Prinzessin von Dänemark

1. Juni 2024. Christine Jatahys "Hamlet"-Adaption kommt aus Paris zu den Wiener Festwochen. Sie lehnt sich an Heiner Müller an, macht Hamlet zur Frau und gibt ihr ein zeitgenössisch wirkendes Bühnenbild. Und die Titeldarstellerin Clotilde Hesme strahlt.

Von Andrea Heinz

"Hamlet" © Simon Gosselin

1. Juni 2024. Der Totenkopf fehlt in Christiane Jatahys Hamlet-Adaption – und auch sonst ist Shakespeares Text in "Hamlet. Dans les plis du temps", uraufgeführt im März im Pariser Odéon-Theater, nur ein Stoff unter vielen. Wie in Heiner Müllers "Hamletmaschine" ersehnt, ist die Hauptfigur bei Jatahy eine Frau. Am Gerüst der Handlung hat sich wenig geändert, der Onkel hat den Vater ermordet und die Mutter geheiratet, der Vater erscheint als Geist und stiftet den Sohn zur Rache an. Am Ende der ödipal angehauchten Splatter-Geschichte sind alle tot. 

Hamlet als Frau

Jatahy hat das Ganze in eine örtlich nicht genauer definierte Gegenwart transferiert. Auf der Bühne des Wiener Volkstheaters, in dem das Stück im Rahmen der Festwochen zu sehen ist, erwacht Hamlet (Clotilde Hesme) im Frauenkörper und einem weitläufigen Loft. In Wohnraum wird rege die funktionstüchtige Küche genutzt, Bade- und Schlafzimmer sind dank geschicktem Videoeinsatz gut einsichtig. Zu Beginn hängt ein transparenter Vorhang vor der Szenerie, über das der Geist des verstorbenen Hamlet senior wie eine Art Hologramm flackert und der Tochter die nötigen Infos überbringt, um die Geschichte voranzubringen.

Energetisches Spiel, gut ausgewählte Musik

Abgelöst wird sein Bild auf der Leinwand durch eine trinkende und tanzende Meute, die die Hochzeit des neuen Königs Claudius (Matthieu Sampeur) mit der frisch verwitweten Gertrude (Servane Ducorps) feiert – die immer wieder zum Mikro greift und hier für den Mörder ihres Mannes "I love you baby" anstimmt. Auch Ophelia (Isabel Abreu) wird dazukommen, der ihr Vater Polonius (Tonan Quito) die Beziehung zum höherrangigen Hamlet verbietet.

Hamlet 3 CSimonGosselin uParty im Staate Dänemark © Simon Gosselin

Bei all der Verlogenheit kann man Hamlet die beleidigte und bisweilen etwas pubertäre Wut nicht verdenken, die sie an den Tag legt. Überhaupt ist es das energetische, lustvolle Spiel besonders von Clotilde Hesme, das großen Spaß macht an diesem Abend, und das nicht nur, wenn sie mit albern verstellter Geisterstimme "Ich bin dein Vater" krächzt, um ihre Mutter zu nerven. Die gut ausgewählte Musik, die immer wieder angespielt wird – immerhin wird hier ein frisch vermähltes Paar gefeiert – macht ebenfalls Laune.

Zitate und Versatzstücke

In Summe aber geht das Konzept nicht richtig auf, zerfasert der Abend allzu oft in seinen knapp zwei Stunden. Das liegt sicher nur wenig daran, dass man die Spieler*innen bisweilen nur schlecht verstehen kann. Die Übertitel lassen für das, was auf Französisch und Portugiesisch gesprochen wird, notgedrungen manches weg, wenn neben den zentralen Figuren auch noch Guildenstern (Tom Adjibi) und Rosencrantz (David Houri) mit auf der Bühne sind und alle wild durcheinander rufen – etwa, wenn sie den Ausgangstext zitierend "Les acteurs sont arrivés", die Schauspieler sind gekommen, spielen. Wobei es sicher einer der Höhepunkte des Abends ist, wenn sie, kostümiert mit allerlei Requisiten aus der Küche, kaum verbrämt den realen Mordfall nachspielen.

Hamlet 1 CSimonGosselin uEnttarnter Mord © Simon Gosselin

Aber der Abend wirkt disparat, vieles wird behauptet, aber kaum eingelöst. Was es bedeutet, dass Hamlet nun Frau ist, wird nicht wirklich erklärt oder ausgespielt; es wirkt fast wie ein Label, das aufgeklebt wurde. Dasselbe gilt für die Behauptung, dass Hamlet nun endlich ins Tun kommen möchte, nicht länger passiv resignieren, sondern aktiv etwas verändern. Das kann ein Abend, der auf einem Spiel mit Zitaten und Versatzstücken basiert, natürlich sowieso nur sehr bedingt einlösen, weil er letztlich, wie der Titel schon sagt, in den Falten der Zeit und all seiner Vorlagen hängen bleibt. Trotzdem springt da ein kleiner Funke über: Aus den leuchtenden, beseelten Augen von Clotilde Hesme, wenn sie am Schluss alleine auf der Bühne steht und ins Publikum spricht.

Hamlet. Dans les plis du temps
Christiane Jatahy nach Shakespeare
Regie, Adaption, Bühne: Christiane Jatahy, Kostüm: Fauve Ryckebusch, Musik: Vitor Araújo, Filmregie, Kamera: Paulo Camacho, Dramaturgische Beratung: Marcia Tiburi, Christophe Triau.
Mit: Isabel Abreu, Tom Adjibi, Servane Ducorps, Clotilde Hesme, David Houri, Tonan Quito, Matthieu Sampeur und im Film Loïc Corbery, Jérémy Lopez, Cedric Eeckhout, Jorge Lorca, Julie Duclos.
Premiere am 31. Mai 2024 im Volkstheater Wien
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Not amused ist Ronald Pohl im Standard (1.6.2024) über diese Wohlstandsgesellschaft auf der Couch: Jatahy inszeniere "eine Art Sitzkrieg Übriggebliebener: ein familiäres Stelldichein mit Wohnküchenflair". Sie sprächen ein merkwürdig gespreiztes Shakespeare-Französisch, tränken zu viel Wein, filmten einander mit ihren Smartphones und seien ganz entsetzlich traurig. "Sie gehen uns, wie so viele schlecht mit Leben behauchte Stadttheatergestalten, nicht das Geringste an."

Der Beginn sei stark, so Norbert Mayer in der Presse (1.6.2024). Aber dann verfalle die Inszenierung mehr und mehr in Langeweile der Erwartbarkeit. Zwar würden die Rollen von Gertrude und Ophelia aufgewertet. Doch Hamlet könne nur in Ansätzen bei den reduzierten großen Monologen punkten. "Er/sie gerät in eine seltsame Familienaufstellung, die mit hysterischer Übertriebenheit leider ins Lächerliche kippt. Von dort finden selbst Charakterstarke kaum zurück ins Tragische."

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