Und eine Frage offen! 

21. Mai 2024. Gestern ging das Berliner Theatertreffen 2024 zu Ende, traditionellerweise mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises und der Schlussdebatte der Jury. Wir registrierten insgesamt wenig Dissens, aber auch mindestens eine Frage, die fürs nächste Jahr offen bleibt.

Von Sophie Diesselhorst, Esther Slevogt und Christine Wahl

Die Jury des Berliner Theatertreffens 2024 bei der traditionellen Abschlussdebatte © sle

21. Mai 2024. Der letzte Tag des Theatertreffens ist dann immer noch mal etwas Besonderes. Bei dieser Veranstaltung halten stets auch die Toten auf der Gegenschräge kurz die Hand ins Licht, als lebten sie, um es mit einem der letzten Gedichte von Heiner Müller zu sagen. Das gibt der Veranstaltung oft eine eigene Aura. Denn hier würdigt diese flüchtige und gegenwartssüchtige Kunstform stets auch ihre Geschichte.

Die Kerr-Preis-Verleihung

Es beginnt traditionell mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises an eine*n junge*n Schauspieler*in – gekürt von einer Alleinjurorin oder einem Alleinjuror. In diesem Jahr war es die Schauspielerin Ursina Lardi, die den 1995 geborenen Nikita Buldyrski aus "Die Hundekot-Attacke" vom Theaterhaus Jena kürte. Gegen diese Entscheidung könnte man vielleicht (wie mein Kollege Christian Rakow) einwenden, warum nun ausgerechnet aus einer Produktion, die so dezidiert wie keine andere bei diesem Theatertreffen als Kollektivarbeit verstanden werden wollte, ein Einzelner herausgerissen und hervorgehoben wird.

Aber Buldyrskis herzzerreißender Rap über das Theatermachen jenseits der Metropolen und heroische, einzelkämpferische Kritiker*innen vor Ort, die für die Sichtbarmachung dieser Arbeit sorgen, war tatsächlich ein emotionaler Höhepunkt des ganzen Theatertreffens. Und vielleicht ist es daher richtig, einen Einzelnen und kein Kollektiv auszuzeichnen – auch, weil eben der Einzelne, das nicht im Kollektiv verschwindende Individuum, der einzelne Mensch nicht nur als Akteur*in, sondern auch als Adressat*in sozusagen der Glutkern dieser Kunstform ist.

Zuvor hatte eine junge Urenkelin Alfred Kerrs, Tatiana Kneale, ein kurzes Grußwort gehalten und sehr persönliche Familien-Überlieferungen zu diesem deutschen Exilanten geteilt, der so recht in der britischen Emigration nie heimisch wurde. Stiftungspräsidentin und Kerr-Biografin Deborah Vietor-Engländer beleuchtete anhand von Selbstzeugnissen Kerrs dessen Reise von Konstantinopel nach Palästina im April 1903 – damals Teil des Osmanischen Reichs – und sandte aus der Tiefe der Geschichte eine Friedensvision Kerrs in die Gegenwart.

Die Jury-Abschlussdebatte

Daran schloss sich die nicht minder traditionsreiche Jury-Debatte an, in der die diesjährigen Juror*innen noch einmal Fragen zu ihrer Auswahl und das Auswahl-Prozedere generell erläuterten. Da gab‘s wenig Dissens. Nur aus dem Publikum erhob sich eine Beschwerde gegen Johan Simons‘ Macbeth-Inszenierung, innerhalb der Jury die unumstrittenste Entscheidung, wie man erfuhr. Im Publikum fand sie aber sogleich auch eine Verteidigerin, worauf dann wiederum ein anderer Zuschauer an dieser Inszenierung die gewichtige Frage festmachte, ob dieser Abend nicht tatsächlich ein Indiz dafür sei, dass das Tragische sich aus dem Theater verabschiedet habe. Es war eine schwere Frage, auf die jetzt nicht wirklich mehr eine Antwort gefunden werden konnte. Die letzten beiden Vorstellungen standen an, die die Leute rechtzeitig erreichen wollten.  Antworten dann vielleicht im nächsten Jahr

(sle)

Dann kam noch das Nachgespräch zu „Übergewicht, unwichtig: Unform" 

"Hasi und Schweindi sind gebildete Menschen, wenn Sie das bitte in eine Kenntnis in sich hineinnehmen wollen", fordert Hasi, von Beruf Gattin, die von ihrem Angetrauten geschätzt wird für "das ganze schöne Leben, das sie in den Schweindikörper hineinlebt". Philosophisch gesinnt ist das Proleten-Paar, das Werner Schwab als Doppelgänger des "schönen Paares" aus den besseren Schichten anlegt. Das geht ins Gasthaus, um sich die"ein wenig überkomplett[e]", brutalisierte Stammgastgesellschaft anzusehen. Welch ein Clash der Kulturen.

Bei Rieke Süßkow und Mirjam Stängl hat sich die Personnage aus Schwabs Kannibalismus-Abendmahl in Gummipuppen verwandelt, aufgereiht wie in einer Prater-Schießbude. Vom Volkstheater à la Nestroy sei die Ästhetik beeinflusst, auch vom Hanswurst und der Commedia dell'arte und ihren auf den Unterleib fixierten Typen, erzählt Rieke Süßkow beim Nachgespräch, für das sich im Ausschankbereich der Volksbühne geschätzt doppelt so viele Interessierte drängen als Stühle aufgestellt sind.

Input von Ann Cotten

Lyrikerin Ann Cotten gibt einen Input, und der ist interessant, weil sie weniger affirmativ ist als viele ihrer Vorredner*innen in diesem tt-Format. In die Aufführung ging sie mit der Befürchtung, dass die Lunapark-Optik für den nötigen Kitsch sorge, damit Schwabs Fäkaliendrama dem bürgerlichen Publikum nicht so weh tue. Aber diesen Eindruck müsse sie revidieren, wie sie sagt: Materialästhetisch habe sich die Inszenierung als"Schwab'scher Alogrithmus" für sie voll eingelöst. Gerade die von Flipper-Sounds begleiteten Bewegungen, die mit ihrem abrupten Abbremsen und längeren Nachschwingen an frühe mechanische Apparate erinnerten, haben sie jeglichen Zweifel an einer nicht-realistischen Darstellungsweise vergessen lassen. Zumal in Wien die Vorstellung des Behaviorismus, dass wir alle nur Turingmaschinen sind, auch in der Wiener Gruppe grassierten, der Schriftstellervereinigung, die sich kurz vor Schwabs Geburt formierte.

Körperliche Feinabstimmung

Automatismen vergessen mussten die Schauspieler*innen, wie der Schweindi-Darsteller Soheil Boroumand beschreibt: Vorgabe war es, den Gedanken dem Text folgen zu lassen – also den Kopf auszuschalten, durch die Sprachabsonderung zu rauschen und dann ihr nachzulauschen, was bei den Figuren selbst zu einem ständigen"huh?"-Moment führte."Es ist viel schwerer, den Text nicht im Moment zu denken", wie es sonst im Schauspiel üblich sei, so Boroumand. In diesen Inszenierungs-Mechanismus habe das Team viel Zeit investiert, ebenso wie auf die körperliche Feinabstimmung: "Wir haben gelernt, uns gleich zu bewegen, gleich lang zu federn", erklärt Sasha Weis, die Spielerin von Hasi. Einstieg in die Produktion war ihr zufolge eine Woche Trampolintraining. Ann Cotten bewunderte zuvor schon die Sportlichkeit der Spieler*innen – vor dreißig Jahren, als Schwab "Übergewicht, unwichtig: Unform" schrieb, sei dieses Maß an Fitness im Schauspiel noch keine Anforderung gewesen.  

Schwänzchen himmelaufwärts

Einig scheinen alle Anwesenden in der Bewunderung für die Gesamtleistung. Regisseurin Rieke Süßkow und Kostümbildnerin Sabrina Bosshard schildern die Arbeit im Team, in dem früh alle Gewerke zusammen kamen, um einen bestimmten Aspekt herauszuschälen aus dem Text, um "eine Schraube scharf zu stellen", so Süßkow, für die die Produktion am Schluss als ein"gemeinsamer Apparat" erschien. In dem alle Rädchen ineinander greifen: Auf der unteren Ebene der als Müllzerkleinerer gestalteten Bühne schlägt Karli mal wieder Herta. Oder Hasi in ihrem obszönen Lackdirndl rubbelt dem lederhosigem Schwindi das silberne Stoffglied, das vor seinem Aufblas-Leib baumelt, um sein "Schwänzchen himmelwärts aufsteigen" zu lassen, damit es endlich ein paar "Hasenkinder" gibt.

Organische Sounds

Dazu knacken in der für das Publikum optisch lang verborgenen oberen Ebene Nudeln oder Katharina Kurschat und Sascha Tuxhorn, das schöne Paar und zugleich die Live-Geräuschemacher*innen, reiben und rupfen an Lauchstangen, bis diese völlig zerfetzen. Organische Sounds, auch das Schmatzen, das von der Bühnenapparatur selbst zu stammen scheint, werden dort oben mit Lebensmitteln erzeugt."Welche Frucht oder Nudel klingt am besten? Daran haben wir sehr lange gefeilt", erzählt Sasha Weis aus dem Nürnberger Ensemble mit offenbarer Freude. Und Rieke Süßkow ergänzt: Alle anderen Sounds spiele der Musiker bei jeder Vorstellung einzeln ab – und dafür gebe es 600 Cues. Applaus im der Produktion gewogenen Publikum.

(eph)
 

Ertappt!

20. Mai 2024. Das Theatertreffen legt sich in die Schlusskurve, heute ist der letzte Tag – mit Kerr-Preisverleihung und Abschlussdiskussion der Jury. Gestern gab's mit Rieke Süßkows Werner-Schwab-Inszenierung "Übergewicht, unwichtig: Unform" in der Volksbühne die letzte Gastspielpremiere des Festivals. Und zwar eine, bei der man nicht umhin kam, sich selbst zu ertappen, wie Sophie Diesselhorst in ihrem Shorty schreibt. Im Haus der Berliner Festspiele trat unterdessen – unter anderen – Katja Kipping auf, um beim "Nachtgespräch" ihre Sicht auf Macht, Politik und Johan Simons' "Macbeth"-Inszenierung zu erläutern.
Esther Slevogt war dabei und berichtet.

Nachtgespräch zu "Macbeth"

Es sei eventuell offen, ob ihre Expertise hier tatsächlich als Politikerin gefragt sei oder nicht doch die der Rettungsschwimmerin, feixte Katja Kipping auf dem Podium kurz vor Mitternacht. Moderator Florian Malzacher hatte die Politikerin und einstige Vorsitzende der Partei Die Linke (die im Senat von Franziska Giffey auch Berliner Senatorin war) gerade mit der Bemerkung vorgestellt, Kipping arbeite inzwischen unter anderem auch für die DLRG. Aber weil die mit Delfter Kacheln gefliesten Pools auf der Bühne (die Nadia Sofie Eller für diesen "Macbeth" baute) ohnehin kein Wasser hatten, war diese Frage natürlich rein rhetorisch.

Dabei traf sie (unfreiwillig) vielleicht auch ins Herz der Frage, die das Berliner Publikum wohl in Fans oder Verächter dieses Abends gespalten hat: inwieweit die Virtuosität von Konzept und dem es tragenden Schauspieltrio darüber hinaus etwas Heutiges über Politik und Macht zu erzählen hat. Oder eben nur eine Schwimmübung auf dem Trockenen war. Und während am ersten Abend im Haus der Berliner Festspiele offenbar eher die in der Überzahl waren, die dieser "Macbeth" daher nicht erreichte, war es bei der zweiten Theatertreffen-Vorstellung nun anders herum: es gab einen Applaus- und Begeisterungssturm.

tt24 Macbeth 2 CElenaPhilipp KopieGastspielcontainer von "Macbeth" im Haus der Berliner Festspiele © eph

Beim Publikumsgespräch erfuhren die vielleicht achtzig Gebliebenen anschließend viel über die Entstehungsgeschichte der Inszenierung. Dass es zweieinhalb Jahre zuvor ursprünglich acht Spieler*innen waren, aber Simons die Arbeit abgebrochen hatte, die er als gescheitert empfand. Dann war die Pandemie gekommen, das Konzept radikal überarbeitet und der Faden der blutigen Geschichte aus der Sicht der drei Hexen wieder aufgenommen worden. Die Intensität des Abends sei auch der tiefen Stoffkenntnis aller Beteiligten durch die lange Beschäftigung mit dem Stück geschuldet.

Unter den Händen dieses unglaublichen Trios war es zu einer tragikomischen Farce über die Macht und die niederen Instinkte geworden, die Mächtige zu Schlächtern machen. Zur Illustration auch eines der berühmtesten Sätze dieser Tragödie, dass nämlich das Leben nur ein Märchen ist, das von einem Depp erzählt werde und eigentlich völlig bedeutungslos sei. Dass dieser Kampf um Macht also immer auch ein Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit ist. Wobei dann irgendwie auch rührend war, wie wichtig es den Beteiligten auf dem Podium immer zu betonen war, dass Macbeth und seine Lady ein ernstzunehmendes Liebespaar seien.

Abwesenheit von Ideologien

Währenddessen war im Iran ein echter Schlächter samt Helikopter und mit ihm sich darin befindender Entourage abhandengekommen. Schon während des Theaterabends selbst hatte die Spannung, die das Smartphone in der Tasche in Sachen neuer Infos zur Causa Ebrahim Raisi bereithielt, sich in krassem Missverhältnis zur Spannung befunden, die das Geschehen auf der Bühne produzierte – deren saturierter Virtuosität ich dann immer unwilliger folgen mochte: weil sie mir den wirklichen Verhältnissen nicht gewachsen schien. Weil auf der Welt gerade eben nicht melancholische und tragikomische Deppen ein Märchen erzählen, sondern es um die massive Durchsetzung von Interessen geht, die Gewaltspiralen allenthalben eher mit zu viel Sinn und Ideologie aufgeladen und immer weiter gedreht werden, so dass dieser hochartifizielle Nihilismus doch eigentlich ins Leere läuft.

Aber das sahen andere an diesem Abend auch anders. Stefan Kolosko zum Beispiel, einstiger Schleef- und Schlingensief-Spieler, der aus dem Publikum heraus gerade die Abwesenheit aller Ideologien und Kausalitäten, die Verhandlung des Themas in einem reinen Kunstraum, als hochgradig wohltuend und befreiend empfand.

(sle)

 

Aliens die darstellende Kunst erklären

19. Mai 2024. Drei Ausnahmespieler*innen stemmen sämliche Rollen in Shakespeares Mord- und Machtspiel "Macbeth". Trotzdem hat es dieses Gastspiel nicht leicht bei diesem Theatertreffen der Schauspieler*innenfeste. Nachtkritikerin Elena Philipp jedenfalls fand "zäh zuzusehen, wie Marina Galic, Jens Harzer und Stefan Hunstein, ganz unter sich hinter einer verstörend halboffenen Vierten Wand, wieder und wieder ansetzen, um die nächste szenische Lösung für ein Shakespeare-Problem zu finden", wie sie in ihrem Shorty zum Gastspiel schreibt. "Generisches "Theater" ist der 'Macbeth' – so könnte aussehen, was wir auf einem Speichermedium ins All jagen, um den Aliens Darstellende Kunst zu erklären."

(sle)

Auf die Fiktion hereingefallen!

Das "Nachtgespräch" zur "Hundekot-Attacke" vom Theaterhaus Jena findet nach der Nachmittagsvorstellung, also am hellichten Tage statt. Dazu passt es, dass wir nach dem kurzen, affirmativen Input von Kulturjournalistin Sylvie Kürsten vor allem noch einmal darüber aufgeklärt werden, wie genau die Produktion – anders, als in ihr behauptet wird – tatsächlich entstanden ist: Es ist nämlich eigentlich ein "well made play", sagt Regisseur Walter Bart.

Das Stück handelt ja davon, wie eine Gruppe Schauspieler*innen am Theaterhaus Jena ein Ensemblestück erarbeiten und an ihrer Gruppendynamik scheitern. Am Ende lesen sie als vermeintliche Notlösung ihren (äußerst klugen und unterhaltsamen) Email-Wechsel zu der Produktion vor und performen erst ganz zum Schluss ein paar Szenen.

Perfekt konstruiert

"In echt" war das Scheitern von Anfang an eingepreist. Die Emails sind also nicht 100 Prozent authentisch, sondern – naja, aber schon teilweise!, sagt Leon Pfannenmüller. Die Texte der Mails stammen von den Spieler*innen selbst, so haben sie ihre Figuren entwickelt, und diese Figuren und ihre Konflikte wiederum basierten schon auf den Auseinandersetzungen "über die Relevanz des Stoffs", die sie auch wirklich miteinander geführt hätten, so Pfannenmüller.

Auf die Fiktion hereingefallen sei sie bei der Figur der vermeintlichen Außenseiterin, Tänzerin Linde Dercon, gibt Theatertreffen-Jurorin Katrin Ullmann zu. An dieser Figur lässt sich auch besonders gut bewundern, wie perfekt die dezente Fiktion der Produktion konstruiert ist. Dercon selbst kam im "Nachtgespräch" nicht zu Wort, aber wurde eingeschlossen in das Lob des Regisseurs: "Diese Schauspieler sind supergeile Schriftsteller."

Progressive Arbeitsweise

Dass Regie und Dramaturgie als Figuren gar keine Rollen bekommen haben, erklärt die Dramaturgin Hannah Baumann so, dass es "um die Selbstfindung der Gruppe als Mini-Gesellschaft" gegangen sei. Da hätten "Kontroll-Positionen" nur störend reingefunkt. Im Arbeitsprozess fände sie klare Rollenverteilungen aber durchaus hilfreich.

Die Kollektiv-Profis vom Theaterhaus wurde zum Schluss des Publikumsgespräch sogar noch von Impulsgeberin Sylvie Kürsten dazu aufgefordert, doch auch mal Redaktionen zu coachen in ihrer progressiven Arbeitsweise. Aber eigentlich wollen sie alle weiter Theater machen und brauchen nach dem Sommer eine neue Heimat, wenn in Jena eine neue Leitung ihren Job antritt. Vielleicht funktioniert das Theatertreffen ja für die eine oder den anderen auch als Jobmarkt. Die Vorstellung war jedenfalls in jeder Hinsicht überzeugend.

(sd)

 

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

18. Mai 2024. Begeisterte Nachrichten erreichen die Blogredaktion heute morgen. Geschwärmt wird von der Theatertreffen-Premiere des Gastspiels vom Theaterhaus Jena. "Die Hundekot-Attacke" erfüllt also nicht die Rolle des "Provinz-Gastspiels", das in der Hauptstadt durchfällt.

ApplausHundekot sleStrahlend im Applaus-Sturm: Das Ensemble mit Autor und Regisseur Walter Bart © sle

Ganz im Gegenteil: Der Abend klage nicht vordergründig irgendetwas oder irgendjemanden an, "sondern legt die Verhältnisse gerade dadurch offen, dass er die eigenen Verstrickungen in sie permanent mitreflektiert", schreibt Christine Wahl in ihrem Shorty. "Und dies gelingt ihm mit einem entwaffnenden Witz, der gleichzeitig alle Finger in sämtliche Wunden legt und auf eine synapsenanregende Weise versöhnlich ist: in der Tat bemerkenswert!" Zum Festivalabschluss wird die Produktion morgen noch mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnet. 

Diskussion zum Thema "neurechte Kulturkämpfe"

Vor der umjubelten Premiere ging es in der Diskussionsrunde "Was tun? Vom Umgang mit neurechten Kulturkämpfen" mit Amelie Deuflhard, Oliver Frljić, Thomas Krüger und Joanna Warsza um ernste Themen.

Elena Philipp berichtet allerdings:

Von einem zu zwei Dritteln besetzten Auditorium im Oberen Foyer bleiben nur knapp 30 Personen bis zum Schluss der zweistündigen Veranstaltung, ein Gastspiel der Veranstaltungsreihe "Art of Assembly" von Florian Malzacher, der auch moderierte.

Im Fokus stehen Handlungsstrategien gegen Rechts, allerdings wird es nur vereinzelt wirklich konkret, wie zum Beispiel bei der polnischen Kuratorin Joanna Warsza, die acht Jahre Erfahrung mit einer rechtsnationalen Regierung hat, also weiß, wie Institutionen unterwandert werden. Was die polnische Kultur rettete: die kommunale Förderung.

Föderalismus? Check – da scheint Deutschland nicht schlecht aufgestellt. Auch wenn gerade in der Fläche, abseits der Zentren, die Institutionen ebenfalls unter Druck geraten. Erzählen könnten davon Akteur*innen aus ländlichen Gebieten Deutschlands – aber keine*r von ihnen ist bei der Veranstaltung vertreten. Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung weist immerhin darauf hin und fordert Solidarität mit denjenigen, denen vor Ort jetzt schon die Fensterscheiben eingeschlagen werden oder die mit Drohungen leben müssen. 

Die Diskussionsrunde: Florian Malzacher, Oliver Frljić, Amelie Deuflhard, Joanna Warsza und Thomas Krüger © sle

Vergleichsweise behaglich haben es Städte wie Berlin oder Hamburg mit eher wenigen AfD-Wähler*innen. Amelie Deuflhard von Kampnagel erlebte zwar schon Zusammenstöße mit Vertreter*innen der Partei, hat mit ihrem Konzept der "solidarischen Raumnahme" und einer Mischung aus wachsamer Entspanntheit und offensiver Kreativität aber gute Erfahrungen gemacht, sagt sie. Humor im Umgang zählt. 

Den bringt Oliver Frljić nicht auf. Laut eigener Aussage fühlt er sich nach traumatisierenden Erfahrungen in Kroatien und Polen in Deutschland ruhig gestellt und ist zugleich voll Angst ob der grassierenden Cancel Culture.

"Etwas tun", das von allen Vortragenden ausgegebene Motto, um nicht zuzusehen, wie die Kultur an Boden verliert, will nach den zähen Stunden ganz offensichtlich niemand mehr. Statt aufzurütteln und Mut zu machen, vermittelte die Veranstaltung eindrücklich, wie Kultur geht, die ihr Publikum nicht mitdenkt. Und es somit auch nicht erreicht.

(Elena Philipp / sd)

Rück- und Vorschau 

17. Mai 2024. "Selbst wer skeptisch kam, um zwei Wochen lang die Besten der Besten zu sehen, musste am Ende befriedigt die Nörgelwaffen strecken: Mehr kann Theater nicht, mehr will Theater vielleicht gar nicht, als zu unterhalten und anzuecken, als zu provozieren und zu versöhnen und die Wirklichkeit zu verwandeln, damit sie besser auszuhalten ist", schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung und hebt in seiner Umschau der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen die Bühnenbilder hervor: "Kunstwerke für den Augenblick, vergängliche Szenerien mit ins Nichts verschwindenden Horizonten, Spielplätze der Eitelkeiten und des Scheiterns. (...) Die langweiligleere Szenerie, die die Bühnen jahrelang dominierte, hat ausgedient zugunsten phantastisch gestalteter Räume, die Perspektiven öffnen und verschieben."

"Nach den trüben, leeren Pandemiejahren" zeige das Theater wieder, was es kann, so Noack. "Es bezieht Stellung. Aber nicht unbedingt mit Holzhammer und publikumsferner Arroganz, sondern vertrackt und gewitzt, mit Bildern, die treffen und gar beglücken können auf dem Weg ums Gehirn herum oder mitten hinein."

Interview mit Jens Harzer

Der Berliner Tagesspiegel bringt ein Interview von Christine Wahl mit Jens Harzer, der zum Abschlusswochenende des Festivals mit "Macbeth" vom Schauspielhaus Bochum zum Theatertreffen kommt: Für ihn sei einer der entscheidenden Punkte in dem Stück "etwas, was gern übersehen wird", sagt Harzer: "Nämlich, dass Macbeth und seine Frau das einzige Ehepaar im gesamten Werk von Shakespeare sind, das sich wirklich liebt. (...) Das Paar als Täter – darüber nachzudenken, ist wunderbar. Der Germanist Peter von Matt entwickelt in seinem tollen Buch 'Die Intrige' die These, dass Macbeth und seine Frau eine Art Liebesutopie antreibt. Diese Utopie ist womöglich außer Kontrolle geraten, und sie führt dazu, dass letztlich ganz Schottland zerstört wird. Aber es ist eine Utopie: Das ist 'Bonnie und Clyde', es ist 'Wenn der Postmann zweimal klingelt', und es ist – ja – Adam und Eva. Die Liebe schaltet alle Normen aus."

Über seine eigene Zusammenarbeit mit seiner Frau Marina Galic unter anderem in dieser Inszenierung sagt Harzer: "Es gibt Punkte, die sich leichter klären lassen, wenn man sich nicht nahesteht. Außerdem haben wir beide einen sehr eigenen Kopf. Dass wir zuletzt so oft zusammenarbeiten, hat sich eher ergeben, als dass wir es uns gewünscht hätten. Doch wenn man sich nicht auf die Nerven geht, ist es schön und inspirierend. Wir sind uns zum Beispiel sehr ähnlich im Attackieren von Dingen, wir können also gut gemeinsam gegen Routinen anspielen, die sich in Inszenierungen manchmal einzuschleifen drohen."

Harzer spricht außerdem über Parallelen zwischen Fußball und Theater, über seinen bevorstehenden Wechsel nach Berlin und darüber, was einen guten Regisseur für ihn ausmacht, nämlich "dass er die Menschen im Raum unideologisch aufeinandertreffen lassen kann. Oder zusammenführen. Und dass er auch weiß, dass rechts und links, oben und unten, zwischen den Achseln und wo auch immer genug Raum bleiben muss, damit Spiel geschieht. Und Denken".

"Macbeth" hat am morgigen Samstag Premiere beim Theatertreffen. Aber auch heute geht es es schon weiter im Programm. Mit einer Diskussionsrunde zum "Umgang mit neurechten Kulturkämpfen" und mit der Premiere der Inszenierung "Die Hundekot-Attacke" vom Theaterhaus Jena.

(sd)

 

Der Hausmeister der Aufklärung

16. Mai 2024. Jubel und stehende Ovationen vermeldeten wir gestern nach der Theatertreffen-Premiere des großen Lina-Beckmann-Solos "Laios" vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Karin Beier – und genau so ging es auch nach der zweiten Vorstellung weiter: Wieder und wieder wurde die Ausnahmeschauspielerin beim Schlussapplaus herausgeklatscht, und niemanden im Saal hielt es dabei auf dem Sitz.

Für Lina Beckmann endete mit der gestrigen Vorstellung gleichzeitig ein gigantischer Festival-Marathon: Sie habe den Abend noch nicht einmal während der Endproben so oft hintereinander gespielt wie während der letzten Tage, erzählt sie beim "Nachtgespräch" nach der Vorstellung: Das Theatertreffen war allein im Mai bereits ihre dritte Festival-Station; sie hatte vorher bereits beim Heidelberger Stückemarkt und bei den Mülheimer Theatertagen gastiert. Es sei großartig, auf wie viele neue Dinge man stoße, wenn man den Abend in dieser Frequenz spiele, berichtet sie vom Podium und ruft: "Aber morgen hab` ich frei" – und diese Tatsache mache sie gerade ebenfalls sehr glücklich.

In der Kinderstube der Demokratie

Überhaupt wird die gestrige Veranstaltung als Abend der schönen Sätze in die Theatertreffen-Annalen eingehen. Schon Roland Schimmelpfennigs "Laios"-Stück selbst legt diesbezüglich ja gut vor. Und beim Nachtgespräch ging es damit nahtlos weiter. Der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl, der diesmal als Impulsgeber eingeladen war, entdeckte im griechischen Chorführer den "Hausmeister der Aufklärung" und hatte außerdem ein luzides Quantum Trost parat: "Wenn der tragische Held" – wie es in Schimmelpfennigs Antiken-Überschreibung der Fall ist – "mit dem Moped zum Schnellimbiss fährt, kann die Welt nicht so schrecklich sein", befand er.

Schimmelpfennig selbst unterstrich dann die Unverzichtbarkeit des Theaters mit der feinen Formulierung, es handele sich um "die Kinderstube der Demokratie" – und brach noch eine Extra-Lanze fürs Kinder- und Jugendtheater. Der Bühnenkünstler des Abends, Johannes Schütz, kam bei seinen Einblicken ins besondere Anforderungsprofil an den Spiel-Raum auf wunderbar einleuchtende Vergleiche: "Er muss wie ein großes Kinderzimmer und gleichzeitig ein guter Konzertsaal sein."

Detail aus dem Bühnenbild von Johannes Schütz zu "Laios" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg @ sle

Lina Beckmann unterstrich auf Publikumsnachfrage noch einmal – wie schon im Interview auf dem Festivalportal im Auftrag der Mülheimer Theatertage – wie sehr sie als Solistin des Abends im unmittelbaren Spielprozess oft einen Spielpartner vermisse und brachte dies auf den einleuchtenden Punkt: "Manchmal wünsche ich mir, die Tür geht auf und da kommt er mal, der Ödipus!"

Und schließlich gab es noch die wunderbare Wendung von der "Ergänzungsenergie", dem das Publikum – so Johannes Schütz – im Theater ausgesetzt werden müsse. Er griff damit die Freude Vogls darüber auf, dass das Publikum in "Laios" selbst die Chance zu Imaginationen bekomme statt mit selbigen etwa durch ein opulent die Dinge vereindeutigendes Bühnenbild vom Szenario herab "geflutet" zu werden.

Den Topos von der "Ergänzungsenergie" greifen wir hier direkt auf. Da heute beim Theatertreffen programmfrei ist, lässt sich das Glück der individuellen Leerstellen-Füllung nämlich ganz besonders gut erproben!

(cwa)

Abgründe der Zivilisation

15. Mai 2024. Das letzte Wort war kaum gesprochen, da brach schon der Jubel los. Wobei Jubel die Sache nicht wirklich adäquat beschreibt. Es war, als ob sich da noch tiefere und abgründigere Gefühle entluden.

 

 


Es war ein Abend, der sich an den Abgründen der Zivilisation entlang bewegt: Text und Spiel füllen gemeinsam die weitgehend leere Bühne, wie Michael Wolf in seiner Kurzkritik schreibt, "und zwar, was wirklich ungewöhnlich ist bei Uraufführungen, eben mit starken, mit einprägsamen Bildern." Man habe sie, so Wolf, die ganze Zeit "lebhaft vor Augen, auch wenn Beckmann das meiste nicht spielt, sondern nur schildert.

Der Mond über dem Festspielhaus

Eine Beschwerde hat die Kritikerin Eva Marburg in der Zeitung "Freitag". Und zwar wurde ihr von einer Gruppe schwarz gekleideter und mit Headset ausgestatteter Agent:innen der Besuch der "Vaterlosen" verwehrt, weil sie elf Minuten zu spät kam. Nun...

Derweil schien der Mond ganz unbeeindruckt über'm Festspielhaus, und auch die Nachbarn in den umliegenden Häusern, die in Vorjahren schon mal dazu neigten, bei zu starkem Nachvorstellungsgemurmel unter den Kastanien die Nachtruhe mit Hilfe der Polizei zu erzwingen, blieben offenbar ruhig.

(sle)

 

Ungeheuer Mensch

14. Mai 2024. Wir leben im "Anthropozän", dem Zeitalter, in dem der Mensch prägender Faktor aller (auch geologischen) Entwicklungen ist. Nicht zum Segen unseres Planeten, wie wir wissen. Heute läuft beim Theatertreffen "Laios", Teil von Karin Beiers Antikenprojekt "Anthropolis", das den Ursprüngen dieser Entwicklung nachspürt.

Das Ungeheuer Mensch, das sich so frech als Krönung der Schöpfung begreift, die es aktuell aber im Begriff ist, zu zerstören, ist der Forschungsgegenstand in Karin Beiers Antikenzyklus "Anthropolis". Die Reihe heftet sich an die Spuren der Gründungsmythen unserer Zivilisation. Besonders der nach dem Vater des Ödipus benannte zweite Teil, "Laios" nämlich, macht aktuell Furore.

Lina Beckmann oder: Das Publikum als Spielpartner

Was nicht nur dem Text von Roland Schimmelpfennig sondern insbesondere auch dem solistischen Spiel von Lina Beckmann zu verdanken ist. Es gab Einladungen unter anderem zum Heidelberger Stückemarkt, jetzt zum Theatertreffen eben und außerdem eine Nominierung für den Mülheimer Dramatikpreis. Weil nachtkritik.de das Festival rund um den bedeutenden Preis für Neue Dramatik mit einer eigenen Festivalseite begleitet, konnte Marlene Drexler für nachtkritik.de Lina Beckmann schon im Vorfeld befragen. Also Lina Beckmann, how did you do it?

"Ich bin ja gerade das erste Mal mit "Laios" auf Gastspiel. In Heidelberg war der Raum sehr klein mit 500 Plätzen und das war für mich schon komisch. In Hamburg passen 1.200 Menschen in den Saal. Das heißt, man muss immer gucken, wie sind die Räume, wie ist die Kraft – muss ich da was anpassen, Kraft reduzieren? (...) Der Abend kann dadurch schon sehr unterschiedlich ausfallen. Das Publikum ist bei "Laios" eigentlich wie ein Spielpartner für mich, der jedes Mal ein bisschen etwas anderes einfordert."

Hier das komplette Interview mit Lina Beckmann.

Kleine Hegemann-Meyerhoff-Debatte 

Und sonst? Im Anschluss an den gestrigen Bericht über den Crash beim Publikumsgespräch zu Jette Steckels "Die Vaterlosen", das die Abteilung in der Redaktion "Infinite Jest" in der Redaktion auch zu einer kleinen Umfrage inspirierte, entspann sich auf Twitter / X noch eine keine Debatte, in die sich unter anderem der Soziologe Steffen Mau eingemischt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann hat neue Theaterpodcast dem Internationalen Forum, bei dem sich im Rahmen des Theatertreffens Theaterleute aus aller Welt begegnen, einen Besuch abgestattet.

(sle)

 

Gesprengt

13. Mai 2024. Jette Steckels Inszenierung des Tschechowerstlings "Die Vaterlosen" besticht nicht zuletzt durch den virtuosen Umgang mit der vierten Wand, die mal steht, mal fällt. Das ging auch beim Publikumsgespräch munter so weiter. Nicht ganz freiwillig allerdings...  

Nach einer knappen Stunde sprengte Joachim Meyerhoff in einem Akt des zivilen Widerstands das Nach(t)gespräch, das im Anschluss an die zweite Vorstellung im oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele stattfand. "Dad Man Talking" Carl Hegemann hatte da das Mikro und auch die Runde an sich gerissen. Plötzlich ging es, statt um Tschechow und Jette Steckels Regiezugriff auf dessen mäanderndes Erstlingswerk, um Schlingensief und Burkina Faso.

Von rechts nach links: Joachim Meyerhoff, Carl Hegemann, tt-Jurorin Eva Behrend, Impulsgeberin Rebecca Ajnwojner, Dramaturg Tobias Schuster, Wiebke Puls, Jette Steckel und Moderator Florian Malzacher © sle

Eratische Mitteilungen aus vergangenen Zeiten und ohne Kontakt zur Gegenwart. Fast, als wäre das noch ein Teil der Inszenierung – wo Hegemann immer mit anderem Gast (an diesem 2. TT-Abend war es Dramaturgielegende Wolfgang Storch) als eine Art personifizierter V-Effekt in Erscheinung tritt. Als "Vater der Vaterlosen" wie er sich selber bezeichnete – und damit auch eine gewisse Diskursmacht über das Geschehen begründete.

Aber hier, jenseits der Inszenierung, ging Joachim Meyerhoff nun nicht mehr mit. Er habe durchaus andere Möglichkeiten, sich zu zeigen, so Meyerhoff mit einem Ton, der nach einer seltenen Mischung aus Erschöpfung und Ärger klang. Nach Burkina Faso wolle er nun nicht mehr. Er zog Mütze und Jacke an und ging.

Westfälische Kosonantenzerdehnung

Schon in den Stunden zuvor war beim Zuschauen der "Vaterlosen" von Jette Steckel immer mal wieder die Frage entstanden, ob der Furor, mit dem Meyerhoff alias Platonow auf die Figur des "Carl" reagiert, tatsächlich nur gespielt ist – die allergischen Reaktionen auf dessen westfälische Konsonantenzerdehnung beispielsweise, die etwa aus dem Wort "wirkt" "wiakt" macht ...

Jedenfalls war damit das Publikumsgespräch gesprengt. Eingeleitet hatte es die Dramaturgin Rebecca Ajnwojner mit einem kleinen Impuls, der aber lediglich aus ein paar Eindrücken bestand, die während des Zuschauens entstanden waren – darunter auch der Hinweis, dass die von dem Abend immer wieder gestellte Frage "Was ist der Mensch" eben im Grunde immer noch auf den weißen Mann bezogen sei – was auch ein Grundproblem der Aufklärung an sich gewesen sei. Denn nicht alle seien eben in diesen Begriff vom Menschen eingeschlossen gewesen. Daraus ergab sich dann für sie auch die Grundfrage nach dem Erbe, die dieser Abend aus ihrer Sicht stellt: Was werden wir hinterlassen haben? Politisch. Ökologisch. Ökonomisch. Gesellschaftlich.

Berliner Theaterpreis für Nele Hertling

Und sonst: Am Vormittag hatte Nele Hertling den Berliner Theaterpreis erhalten. Zur Feier dieser herausragenden Theaterfrau, ohne die die Theaterlandschaft in Berlin heute eine andrere und vermutlich weniger vielfältige wäre, gab's Champagner der Marke Pommery – powered by Pommery höchstselbst.

 

 

In der FAZ wirft die Verleihung des Kerr-Darsteller*innenpreises am kommenden Wochenende bereits seine Schatten voraus – und zwar in Gestalt eines Interviews mit Alleinjurorin Ursina Lardi. Ihr falle das Wahrnehmen der Kolleg*innen mitunter nicht leicht, gibt sie hier unter aderem zu Protokoll, "weil die Spielenden oft zugemüllt werden mit allem möglichen Zeug – Sounds, Videos, Lichteffekte, Raumplanungen, Regiekonzepte. Und, nun ja, nicht immer gibt es da eine inhaltliche Notwendigkeit – häufig sind es lediglich Gewohnheit, Mode, Reproduktion eines einmal gefundenen Rezeptes. Wie soll ein Schauspieler unter all diesem Ballast künstlerisch abheben können? Allein schon die allgegenwärtigen Mikroports."

(sle)

 

Was ist der Mensch?

12. Mai 2024. Gestern kamen "Die Vaterlosen" von Jette Steckel aus München zum Theatertreffen – ein Schauspielfest. Außerdem präsentierten sich die Teilnehmer*innen des Internationalen Forums. Und es läuft die Konferenz "Burning Issues" zu Geschlechtergerechtigkeit im Theater, von der wir auch berichten

"Wir waren fürs Schauspielerfest gekommen. Und wir haben das Schauspielerfest gekriegt", schreibt Christian Rakow in seinem Shortie zum Theatertreffen-Gastspiel von Jette Steckels Tschechow-Inszenierung "Die Vaterlosen" von den Münchner Kammerspielen. Quintessenz des Abends sei: "Der Mensch ist Mensch, insofern er von sich selbst getrennt ist. Er ist per se ein Rollenspieler. Und das Theater ist der Ort, an dem er seine Konflikte friedlich ausagieren kann." 

Das Internationale Forum präsentiert sich

Wie das wohl die Teilnehmer*innen des Internationalen Forums sehen, die beim Theatertreffen traditionell mit sehr politischen Positionierungen auftreten? Am Samstag präsentierten sie sich und ihre Arbeit in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele. Auffällig war, dass sehr viele von ihnen in ihrer Berufsbezeichnung tatsächlich auch "Aktivist*in" oder "Artivist*in" stehen hatten. Die Bühne wurde aber doch eher für künstlerische Statements genutzt. Einige von ihnen interaktiv, wie bei Anastasija Harrowna Bräuniger, die das anwesende (mutmaßlich größtenteils aus Theaterbetriebsangehörigen bestehende) Publikum dazu aufforderte, sich mit einer*m unbekannten Nebensitzer*in zur Frage "What do you need to talk about the Middle East?" auszutauschen. Was erst einmal sperrig wirkte, entpuppte sich als gute Gesprächsgrundlage. Die weitere Handlungsanweisung: "Try and fail. Try again and fail again" gab das politische Statement der Künstlerin dazu: Wichtiger als direkt "die richtige Antwort" zu kennen ist es, im Dialog zu bleiben.

Beim Internationalen Forum Junger Bühnenangehörger © sd

Bei Nitish Jain versetzte sich das Publikum in den "Chaatak" hinein, einen Zugvogel, der jedes Jahr zur Monsunzeit nach Indien migriert. Die Illusion, als Mensch wirklich in das Bewusstsein eines Vogels einzusteigen, wurde schön versinnbildlicht von den Luftballons, die alle erst aufblasen und dann wieder loslassen sollten, so dass sie pupsend durch die Kassenhalle flogen. Kunst muss nicht heilig sein.

Geschlechtergerechtigkeit und Solidarität: "Burning Issues"

Im Rahmen des Theatertreffens findet an diesem Wochenende außerdem seit Freitag abend die sechste Ausgabe der "Burning Issues" statt, Thema: Solidarität. Seit die Konferenz 2018 aus der Taufe gehoben wurde, hat sie die Themen Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit mit großer Wirkmacht in der Kulturlandschaft platziert. In ihrem Halbzeitbericht zur diesjährigen Ausgabe schreibt Katrin Ullmann: "Die Keynotes sind eine Mischung aus Bestandsaufnahmen und Forderungen, sind ein Austarieren zwischen Realität und Utopie. Sichtbar gemacht wird absolut wertvolle Arbeit, aber anregende Impulse oder Reibungsflächen bieten die Vorträge nicht."

(sd)

 

Jeanne d'Arc der Freien Szene

11. Mai 2024. Halbzeit beim Theatertreffen: Die ersten fünf Gastspiele sind gelaufen, heute Abend eröffnet Jette Steckels Tschechow-Inszenierung "Die Vaterlosen" die zweite Festival-Hälfte. Gestern gab's keine Gastspiel-Premiere und auch kein Diskursprogramm; die Zeichen standen auf Durchatmen.

Beziehungsweise: auf Warmlaufen – fürs soeben angebrochene hyperdichte Wochenende. Im rbb flicht Barbara Behrendt zum Beispiel schon mal einen Ehrenkranz für die "Jeanne d’Arc der Freien Theater- und Tanzszene", Nele Hertling, die am morgigen Sonntag mit dem Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet wird. "Nele Hertling hat die Freie Szene in Berlin nicht nur geprägt – sie hat sie erfunden", gratuliert Behrendt: Als die heute 90-jährige Hertling Anfang der 1960er Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Akademie der Künste kam, existierten weder ein Bewusstsein, geschweige denn Gelder oder Orte für die künstlerische Arbeit jenseits institutionalisierter Strukturen. Hertling war es auch, die später, als langjährige Leiterin des Berliner Hebbel-Theaters (heute HAU) in den 1990er Jahren als erste die internationale Performance-Szene nach Berlin holte.

In Barbara Behrendts Beitrag erinnert sich Hortensia Völckers, die ehemalige Leiterin der Bundeskulturstiftung, an die Zusammenarbeit mit ihr: "Sie schlug sich, genau wie ich, mit sehr vielen Männern herum. Ich konnte sehen, mit wie viel Eleganz sie doch sehr genau durchsetzte, was sie wollte – und das war eindrucksvoll." Nele Herling hat – wie alle Avantgardistinnen und Avantgardisten – im Lauf ihrer Karriere gegen viele Widerstände gekämpft.

Womit sich Künstler*innen heute in der dramatischen Arbeitswelt herumschlagen, ist ebenfalls Thema dieses Wochenendes beim Theatertreffen: Die Konferenz "Burning Issues" ist wieder beim Festival zu Gast, die diesjährige Ausgabe steht unter dem Motto "Solidarität mit unserer Gegenwart" und fragt nach "solidarischen Praktiken im Angesicht aktueller Herausforderungen und globaler Krisen". Nachtkritikerin Katrin Ullmann ist gerade vor Ort. Heute Nachmittag geht es hier mit ihrem Bericht weiter.

(cwa)

 

 

 

 

These boots are made for Orking

10. Mai 2024. Vielleicht hätte das "Nachtgespräch" zum Gastspiel von "Riesenhaft in Mittelerde" besser einfach im Bühnenbild der Inszenierung stattfinden sollen – der atmosphärische Bruch von schummriger Partystimmung zu hell erleuchtetem Foyer war auf jeden Fall riesig, und dementsprechend kam auch nur ein Teil des Publikums mit.

Zunächst wurde noch einmal die Geschichte der Produktion aufgerollt. Die Idee, den "Herrn der Ringe" aufs Theater zu bringen, stammte vom inklusiven Zürcher Theater Hora, das sich dann das Schauspielhaus Zürich und die Puppentheatertruppe Das Helmi ins Boot holte.

Regie habe man reihum zu viert geführt, erzählt Schauspielhaus-Intendant Nicolas Stemann, der außerdem als musikalischer Elf jammend durchs Bühnenbild zog und zum Beispiel zusammen mit einer Zuschauer:innengruppe einen Kanon der Ork-Lieder improvisierte ("These boots are made for Orking").

Eine Gemeinschaft werden

Stephan Stock vom Theater Hora, der fürs Theatertreffen-Gastspiel als Frodo eingesprungen war, beschrieb die Aufgabe des Projekts noch einmal so: "eine Gemeinschaft zu werden, auch mit dem Publikum". 

Für Konstantin Langenick, der einen Input zum Nachgespräch gab, war das auf jeden Fall gelungen. Langenick, selbst Ensemblemitglied des inklusiven Berliner Theater Thikwa, lobte die gelungene "relaxed performance" und den immersiven Charakter der Inszenierung. Er habe sich als Zuschauer direkt als Teil des Geschehens gefühlt und sich außerdem auch "detailmäßig in das Stück verliebt" – wozu die etlichen liebevoll geschnitzten Schaumstoffmasken und -puppen des Helmi sowie die von den Darsteller:innen unter professioneller Anleitung selbst geschneiderten Kostüme auch wirklich reichlich Anlass boten.

Die Garderobe im begehbaren Bühnenbild © sd

Tenor des "Nachtgesprächs" war die erfolgreiche Überwindung: von Egos (Stemann), von "Schwellen von Verkrampfung" (TT-Jurorin Valeria Heintges), von Geschlechterkategorien (Konstantin Langenick). Und die gute Arbeitsatmosphäre, die nach außen weiterzugeben die Produktion sich zur erfolgreichen Mission gemacht hat, wurde auch in diesem Rahmen noch einmal beglaubigt.

(sd)

 

Die Party und die Stille

9. Mai 2024. Gleich zwei Festivalpremieren gingen gestern Abend über die Bühnen – im Haus der Berliner Festspiele wurde es bei "Riesenhaft in Mittelerde" immersiv. Elena Philipp schwärmt von einem "Bühnenfest" und hat eine Idee für die Zukunft seines Regisseurs, der als Intendant in Zürich in ein paar Wochen aufhört ...

In der Schaubühne lief "Bucket List" von Yael Ronen und Shlomi Shaban. Esther Slevogt hat sich's zum dritten Mal angeschaut und reflektiert im Shortie die Archäologie ihrer Gefühle beim Zuschauen. Obwohl sie gar nicht explizit Bezug drauf nimmt, wird die Produktion sehr stark mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den Folgen in Verbindung gebracht. Vielleicht auch der aufgeheizten Stimmung mit Demos und Uni-Protestcamps wegen, die jedes Gespräch über die Lage in Nahost gerade verunmöglicht, gab es zu "Bucket List" ausnahmsweise kein Publikumsgespräch, sondern stattdessen "nur" eine Laudatio der Publizistin Carolin Emcke, die darin auch beschrieb, wie der Abend es ihr nach dem 7. Oktober ermöglicht hätte, aus der Agonie wieder ins Fühlen zu kommen. Und wie man der Stille nur gemeinsam lauschen kann.

Walking in the fog: Das Ensemble von "Extra Life" beim Applaus am 8.5. © sd

Im Hans-Otto-Theater Potsdam lief außerdem noch einmal Gisèle Viennes "Extra Life". "Die 10er Auswahl des Theatertreffens wagt sich hier in Grenzbereiche vor," schreibt Konrad Kögler im Kommentarforum. "Auch räumlich ist der Abend in der Peripherie des Festivals. Das Hans Otto Theater liegt so weit am Rand der brandenburgischen Landeshauptstadt, in der das Leben an diesem Feiertags-Vorabend sowieso nicht brodelt, dass sich das Publikum schon um 21.30 Uhr mit überfüllt vor sich hinschaukelnden Nachtbussen nach Wannsee durchschlagen muss. Dort fährt aber auch nur im 20 Minuten-Takt die nächste S-Bahn ins Berliner Zentrum. Ein Festival-Shuttle wäre deshalb eine sehr gute Idee gewesen!"

Einige Zuschauer:innen suchten auch das Weite. Ob es nun am schönen Wetter lag, das der Inszenierung Konkurrenz machte, an der Inszenierung selbst, die in knapp zwei Stunden ein Wechselbad der Atmosphären unterbringt und das deutsche Publikum mit einer ordentlichen Dosis second degré in den Dialogen vielleicht auch teilweise kulturell überforderte? Oder lag's ganz banal am Bühnennebel, der die Atemwege reizte ...?

Schon bei der Theatertreffen-Eröffnung mit "Nathan der Weise" war der Nebel ja ein wesentliches Gestaltungselement des Bühnenbilds. Im Laufe des Festivals verdichtet er sich nun also immer weiter, und Wetten darüber werden entgegengenommen, wieviel Kubikmeter noch bis zum 21. Mai durch die Säle wabern werden.

(sd)

Hart am Berliner Ring

8. Mai 2024. Nach einer kleinen Pause ging's nun also mit den Gastspielen der Zehnerauswahl weiter, mit "Extra Life" von Gisèle Vienne, das vergangenes Jahr bei der Ruhrtriennale herauskam. Das Theatertreffenpublikum wurde mangels geeigneter Spielstätten vor Ort nicht zum ersten Mal in eine Spielstätte jenseits der Stadtgrenzen umgeleitet. Bereits 2022 wurde es schon mal kurzerhand nach Hamburg gelenkt.

Diesmal ging die Reise zum tt-Gastspiel von "Extra Life" ins benachbarte Potsdam ins Hans-Otto-Theater. Wobei der Kollege Fabian Wallmeier zu Protokoll gab, dass sich das in Sachen Fahrzeit nicht wirklich viel nahm.

 

 


Nachtkritiker Georg Kasch traf in Potsdam zwar auf ein Publikum, das sich deutlich vom Potsdamer Stammpublikum unterschied: Berliner Theater- und Tanzleute sowie Hardcore-Theatertreffen-Fans, nämlich. Trotzdem tat der Spielort dem Abend aus seiner Sicht nicht wirklich gut - wie er in seinem Shortie zur gestrigen Premiere schreibt.

Im Nachtgespräch: Psychoanalytikerin Mai Wegener

Das neue Publikumsgesprächsformat "Nachtgespräch" wurde von einem Impuls der Berliner Psychoanalytikerin Mai Wegener eingeleitet. Schließlich ist Gisèle Vienne eine Expertin in der Übersetzung psychischer Verfasstheiten und Traumata in Theaterbilder, arbeitet also nicht ganz unähnlich wie das Unbewusste etwa nach Ansicht des alten Dr. Freud, der die komplexen Wege gut beschrieben hat, die aus der Ohnmacht zu sprechen in den Traum oder andere Ebenen des Ausdrucks führen. Auch hier hat Georg Kasch zugehört.

(sle)

 

Wie high ist die Hochkultur?

7. Mai 2024. Es war wieder sehr lauschig gestern Abend unter den (ver)blühenden Kastanienbäumen vor dem Haus der Berliner Festspiele in Berlin-Wilmersdorf. Bunte Lampions leuchten fröhlich hoch oben zwischen den Ästen, und in der Dämmerung machten die quietschgelben Stühle, die im Kreis rund um die mächtigste Kastanie zum Sitzen einluden, erst recht etwas her. Die gesetzten bürgerlichen Hochkulturvergnügen funktionieren auch in Krisenzeiten weiterhin vorzüglich, wie es scheint.

Besonders, wenn die Krise so gut vertont wie in der "Rede in Es-Dur" der Klima-Aktivistin Luisa Neubauer daherkommt. Kein Geringerer als Ludwig van Beethoven persönlich lieferte nämlich mit dem 5. Satz seines 13. Streichkonzerts dazu die Musik. Und zwar, wie wir erfahren, weil 1977 Experten der US-Weltraumbehörde NASA rund um einen gewissen Carl mit der Raumsonde Voyager eine Aufnahme mit 90 Minuten Tonmaterial auf Odyssee ins Weltall schicken wollten, die etwaigen anderen Lebewesen im Universum etwas über unsere Welt erzählen können sollte. Darunter auch jener besonders aufwühlende wie herzzerreißende 5. Beethoven-Satz, "Cavatina" genannt, ein Adagio molto expressivo.

Die blinden Flecken der Aufklärung

Und so extemporierte Luisa Neubauer ihre Auseinandersetzung mit dem Menschen, der sich 1977 selbst noch in seiner Botschaft an das Universum als Krönung der Schöpfung und Triumph der Aufklärung feiern wollte – und setzte ihre Fragen an die Aufklärung dagegen, die für sie die große Impulsgeberin dieses Triumphes der Vernunft gewesen ist. Dazu muss man wissen, dass die Rede ursprünglich für die Lessing-Tage des Hamburger Thalia-Theaters entstand, damals noch von Nora Hertlein-Hull geleitet, die nun bekanntermaßen dem Theatertreffen vorsteht. Weil es mit Ulrich Rasches dystopischer Lessing-Deutung "Nathan der Weise" eröffnet wurde (der ja auch schon die blinden Flecken der Aufklärung angeprangert hat und mit dessen Inszenierung sich auch Atif Mohammed Nour Hussein in seiner aktuellen Kolumne noch einmal beschäftigt), passe die Rede nun auch hier, war wohl der Gedanke.

Beim Applaus: Luisa Neubauer und das Ensemble Resonanz @ sle

Und so sprach Luisa Neubauer im eindringlich-belehrenden Ton einer Bestnoten-Abiturientin von der Aufklärung, die nun als große Verräterin dastehe, weil der Höhenflug, zu dem sie die Menschheit einst angestiftet hat, zu Zerstörung und Leere führte. Einem Hoffnungs- und Perspektivverlust. Phrasiert wurden ihre Worte vom Streichquartett des "Ensemble Resonanz". Wenn die dramatischen Abgründe von Beethovens zerdehntem Adagio zu tief klafften, trat sie an die Seite, und das Quartett spielte ohne Neubauer-Worte. Alles grundsympathisch im Anliegen, aber in der etwas zahnlosen Naivität, mit es hier so vorgetragen wurde, auch ein wenig desillusionierend.

Ach, liebe Hochkultur, manchmal könntest Du doch wieder ein bisschen höher hinaus wollen mit deinen Analysen und Darbietungen. Mindestens die Flughöhe der Lampions in den Kastanien vor dem Haus der Berliner Festspiele sollte erreicht werden. 

(sle)

TT Blog 2024 Lampions sleStabile Flughöhe in (ver)blühenden Kastanien: Der Theatertreffen-Baumschmuck vorm Haus der Berliner Festspiele © sle

"No Lights No Lycra"

Fly high: Das verhieß tatsächlich der zweite Programmpunkt des gestrigen Festivalabends – wenn auch nicht direkt im Medium der Hochkultur, sondern im Rahmen eines astreinen Partizipationsformats: Der Höhenflug lag hier also praktischerweise komplett in der Eigenverantwortung des Publikums. Unter dem Motto "No Lights No Lycra" ging`s dafür von der Aufklärungskritik aus dem oberen Foyer zum ausdrücklich unkritischen Abhotten im Erdgeschoss und von Beethoven zu "Fun Techno, Bitchy Sounds und Hard Beats", wie es in der Ankündigung hieß.

Der Plan: 60 Minuten (selbst-)zensurfreies Tanzen, jenseits von Posing und Attraktivitätsimperativen, ohne Dresscode und (leider auch) ohne Alkohol, in einem zu diesem Zweck stark abgedunkelten Raum, hier konkret der mit schwarzen Vorhängen blickabgedichteten Festspielhaus-Kassenhalle. Es handele sich um eine Bewegung, so war zu lesen, die 2009 in Melbourne gegründet wurde und sich seither "rasant auf der ganzen Welt" verbreite. Nur in Berlin noch nicht, hier schlug sie zum ersten Mal auf.

TT Blog 2024 Kassenhalle cwaBlickdicht abgeschirmt: Die Foyer-Kassenhalle des Festspielhauses als Blackbox für "No Lights No Lycra" © cwa

Dass man im Vorfeld nicht wirklich eine konkrete Vorstellung davon gewinnen konnte, welchen heißen Trend die Hauptstadt da über geschlagene 15 Jahre verpasst haben sollte, steigerte natürlich enorm die Spannung. Genau wie die Tatsache, dass sich kurz vor Beginn neben den betriebsmilieu-affinen Theaterbeutel-Trägern mit eher scheuem Blick auch ein paar augenscheinliche Profis auf der Tanzfläche einfanden, die – was aus Versehen wahrscheinlich ein bisschen gegen die "Kein-Showtanzen"-Regel verstieß – sogleich ein höchst beeindruckendes Aufwärm- und Dehnprogramm starteten.

Partizipativer Konzepttanz

Es war dann die Festivalleiterin Nora Hertlein-Hull, die als Anmoderatorin des Abends einmal mehr das Richtige sagte. So, wie sie schon in ihrer Festival-Eröffnungsrede genau den richtigen Ton getroffen hatte. Jetzt, vor "No Lights No Lycra", verkündet Hertlein-Hull mit hohem Charme- und exakt hineindosiertem Selbstironie-Faktor, dass man eigentlich das Publikum schlicht habe zum Tanzen einladen wollen, aber da man das Theatertreffen sei, ginge das natürlich nicht ohne Konzept.

Treffender lässt sich die Veranstaltung tatsächlich nicht charakterisieren: Gepflegtes, ungestörtes Abtanzen, das sich eigentlich – vom Alkoholverbot und dem Zeitlimit abgesehen – zumindest aus Theaterkritikerinnen-Perspektive in nichts von anderen Parties unterschied. Selbst die Notbeleuchtung blieb hell genug, um die Co-Tanzenden gut sehen zu können. Aber wenn man die Veranstaltung, zu der die Leipziger Künstler*innen Cora Czarnecki und Jasmina Rezig unter dem Label no_drama@hotmail den Sound beisteuerten, wegen des Theatertreffen-Framings tatsächlich rezensentisch betrachtet, lässt sich konstatieren, dass es sich um eine ausgesprochen angenehme Veranstaltung handelte: Man konnte raus- und wieder rein- und auch komplett gehen (so wie ich, und dies nicht aus Missfallens-, sondern aus Konditionsgründen) und war überhaupt in jeder Hinsicht sehr autonom unterwegs. Da ist man im Theater wirklich schon in wesentlich unerfreulichere Partizipationsformate hineingegängelt worden!  

(cwa)


Diktat ins Ringbüchlein
 
6. Mai 2024. Das lange Eröffnungswochenende des 61. Berliner Theatertreffens ist vorbei, die Auftaktbilanzen sind gezogen – und es gibt den ersten großen Rezeptionsschock zu vermelden: Alle scheinen dieses Jahr mit der Jury-Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen einverstanden; jedenfalls bis jetzt. Tatsächlich: Kein Rant, nirgends. Eine absolute Rarität in der Festivalgeschichte, möglicherweise gar ein Singularium!

Was ist da los? Müssen wir uns Sorgen machen? Optimistinnen und Philanthropen, die wir sind, tun wir das nicht und denken aus Prinzip positiv: Wenn es in den Basisfragen nichts zu mosern gibt, kann man sich endlich mal wieder in angemessener Ausführlichkeit dem Überbau widmen! Sprich: den Metafragen nach der Funktion der Kunst, die einem Festival wie diesem ja mehr als angemessen sind – und für die die Auftaktreden am Eröffnungsabend tatsächlich ideale Startrampen boten.

Pädagogische Philippika

So denkt nicht nur Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung stirnrunzelnd über die "pädagogische Philippika" nach, die Kulturstaatsministerin Claudia Roth dem Theaterpublikum dort "ins Ringbüchlein" diktiert habe – und "die der freien Kunst und dem Theater so ziemlich alles auflädt, was die demokratische Politik selbst vermutlich immer weniger leistet", wie Meierhenrich schreibt. Die Bühnenkunst müsse nach Roth "`Debatten- und Möglichkeitsräume` öffnen, Kontroversen verhandeln, 'frische Ideen' denken und nebenbei auch noch das 'Durchatmen' lehren".

So hehr so ein "offener Möglichkeitsraum" oder so eine "frische Idee" im Bühnenidealfall auch aussehen mag, so richtig ist, dass die Kunst zuallererst einmal gar nichts muss. Weil es sich bei ihr, wie es Carolin Emcke bereits letztes Jahr in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt brachte, eben gerade nicht um eine "Service-Agentur" handelt. "Die Kunst als kreative, als unruhige, als kluge, als witzige und kritische Instanz kann nur bestehen, wenn sie sich eben nicht in den Dienst stellen muss", schreibt Emcke.

Wider das Feel-Good-Theater

Logisch, dass diese Frage auch junge Regisseurinnen und Regisseure umtreibt, nicht nur, aber auch beim Theatertreffen. "Wir erleben zurzeit ein Comeback des Theaters als moralischer Anstalt", gibt die 1990 in Berlin geborene Rieke Süßkow zu Protokoll, die dieses Jahr – sehr zu Recht – zum zweiten Mal in Folge zum Bühnen-Best-of eingeladen ist. "Im Theater ist viel die Rede von den Idealen und Utopien, die wir vorleben sollen. Das empfinde ich als Disziplinierungstheater. Ein moralisches Feel-Good-Theater, das keine Widersprüche aushält", sagt sie im Interview mit Jakob Hayner in der Welt und gibt zu bedenken: "Diese Einigkeit in den Haltungsposen kommt aus einer Angst vor Auseinandersetzung." Es existiere "zurzeit eine große Angst im Theater, falsch verstanden zu werden" oder "etwas falsch zu besetzen", so die Regisseurin weiter. "Ich suche in meiner Arbeit nach einer Möglichkeit, diese Angst auszuhebeln, indem ich ästhetisch überhöhe." Sobald man mit Überhöhung arbeite, bringe man "die Parameter so grundsätzlich durcheinander, dass eine bestimmte Kritik ins Leere läuft".

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die ästhetische Überhöhung und den produktiven Dissens – gern auch schon vor Rieke Süßkows Nürnberger Werner-Schwab-Gastspiel "Übergewicht, unwichtig: Unform". Das läuft nämlich erst am letzten Festival-Wochenende!

(cwa)

Lob der Halbdurchlässigkeit

5. Mai 2024. Es ist der dritte Abend beim Berliner Theatertreffen. Und die stehenden Ovationen, die es schon im Berliner Festspielhaus für Ulrich Rasches "Nathan"-Eröffnungsabend gab – live und an vorderster Front vom Berliner Kultursenator, später aber auch verbal in den Feuilletons –, setzen sich in der Schaubühne nahtlos fort. Auch nach der bereits dritten Theatertreffen-Vorstellung von Falk Richters autofiktionalem Abend "The Silence" hält es beim Schlussapplaus niemanden auf dem Sitz.

Und beim anschließenden "Nachtgespräch", dem zweiten des Festivals, ist es der Schauspieler Dimitrij Schaad, der am präzisesten auf den Punkt bringt, warum. "Halbdurchlässigkeit" lautet die schöne Vokabel, die er für das Phänomen findet: "Es wird eine konkrete Sache beschrieben, die aber andere Sachen zulässt", schwärmt Schaad regelrecht von dem Stück, das er auch heute wieder im Schaubühnen-Globe spielt, und zwar gleich zweimal hintereinander. Die autobiografisch grundierten Geschichten um unbewältigte Kriegserfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration, um Homophobie in der "Fucking Nordheide" der 1980er Jahre und um hartnäckig beschwiegene familiäre Tabus hätten gleichzeitig nichts mit ihm zu tun – und alles, erklärt Schaad, der zu Sowjetzeiten in der Kasachischen SSR geboren wurde. 

Foto Nachtgesprach Silence cwaNachtgespräch zu Falk Richters "The Silence" in der Schaubühne © cwa

Dass Falk Richter einen Abend geschaffen hat, der sich vor Konkretion einerseits nicht drückt, andererseits aber bemerkenswert offen bleibt für die Besetzung mit eigenen Familientraumata und Schweige-Imperativen, bestätigt auch die Soziologin und Autorin Katharina Warda als Impulsgeberin des Nachtgesprächs, die – 1985 im ostdeutschen Wernigerode geboren – eindrücklich die Anschlussfähigkeit von Richters "Silence" an Rassismus- und Klassismuserfahrungen in einem anderen politischen System demonstriert.

Er habe übrigens keine sieben Tram-Stationen gebraucht, um zu wissen, was für ein enormes Potenzial in diesem Text steckt, erzählt Schaad später noch: Falk Richter habe ihm den ersten Entwurf geschickt, als er gerade im öffentlichen Berliner Nahverkehr unterwegs war, und er hätte nach Lektüre der ersten fünf Seiten sofort rückgemeldet, dass er dabei sei. Denn noch etwas sei ziemlich einmalig an diesem Abend: Hinterher komme im Traum niemand auf die Idee, darüber sprechen zu wollen, wie der Abend gespielt und wie er inszeniert sei, sondern man sei direkt bei den eigenen neuralgischen Familiengeschichtspunkten. Und das, so Schaad, sei wirklich "fucking selten im Theater".

(cwa)

 

 

 



Ausbruch des Judenhasses

4. Mai 2024. Düster, pessimistisch, Dystopie: das sind die Wörter, die sich in der Berichterstattung zur Festivaleröffnung mit Ulrich Rasches "Nathan der Weise" häufen. "Ein von bedrohlichem Wummern, einem Grundrauschen der Gefahr durchzogener, hellwacher Albtraum" schreibt zum Beispiel Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung und zeigt sich wie die meisten Kolleg*innen beeindruckt von dem Vierstünder, der den unter dem Paradestück der Aufklärung, bis heute (mindestens) schwelenden Antisemitismus offenlegt.

Umso überraschender, dass die beteiligten Künstler*innen im "Nachtgespräch" nach der zweiten "Nathan"-Vorstellung als ihre Schlüsselmomente des Stücks nicht die in der deklamierend breit gezogenen Sprache neu entdeckten aggressiven Momente nennen, sondern stattdessen doch wieder die klassischen Versöhnungs-Szenen, in denen die Utopie einer Verständigung, eines Friedens zwischen den Religionen greifbar wird.

Und was ist dann mit dem Schluss, zu dem Rasche Nathan vor der Kulisse des Happy Ends von Lessing alleine dastehen und "zu Hilfe" rufen lässt, während das Licht sich noch einmal rot färbt und klar wird, dass Nathan nie ohne die Angst vor dem nächsten Ausbruch des Judenhasses leben können wird? Das sei eigentlich so zustande gekommen, dass sie gestreikt habe, erzählt Valery Tscheplanowa – ursprünglich sollte sie noch einmal die ganze Ringparabel sprechen, aber das sei ihr stimmlich zuviel gewesen, weshalb von der Parabel nur das "zu Hilfe" übrig geblieben sei.

Fehlgeleiteter Universalismus

Übrigens wurde für die zweite Vorstellung die Pause vorverlegt, so dass auch noch für die zweite Hälfte bleiben musste, wer die Ringparabel überhaupt miterleben wollte. Das Publikum ließ sich erfolgreich disziplinieren, und auch beim "Nachtgespräch" waren die Reihen kurz vor Mitternacht noch voll. Eröffnet wurde es mit einem kurzen Impuls des Menschenrechts-Anwalts Wolfgang Kaleck. Er hob vor allem auf den fehlgeleiteten Universalismus der westlichen Gesellschaften ab, den die Aufklärung mitproduziert habe. Haute also ins gleiche Kerbholz wie die Inszenierung, bloß weniger gezielt.

(sd)

Bilder einer heillosen Welt

3. Mai 2024. Gestern Abend ging es los beim Theatertreffen – mit gleich zwei Festivalpremieren. Im Haus der Berliner Festspiele lief "Nathan der Weise" von Ulrich Rasche, in der Schaubühne Berlin "The Silence" von Falk Richter. 

"Dass neben 'Nathan der Weise' diesmal auch ein zweites Gastspiel zur Eröffnung lief, lässt sich als nichts anderes als ein Mission-Statement deuten. Vorbei sind die Zeiten, als Monologe und Solo-Performances an Theatern in den Foyerecken oder Studiobühnen Vorlieb nehmen mussten", schreibt Simone Kaempf in ihrem Shortie zum Theatertreffen-Gastspiel des autofiktionalen Monologs, in dem Dimitrij Schaad zu Höchstform auflief, die Standing Ovations am Ende aber alleine in Empfang nehmen musste, weil der Autor und Regisseur des Abends Falk Richter sich auf der anderen Hälfte der Festivaleröffnung im Haus der Festspiele tummelte.

Apropos Standing Ovations: Die gab es vereinzelt auch für "Nathan der Weise", unter anderem von Berlins Kultursenator Joe Chialo, der sich nicht davon schrecken ließ, dass es seine Umsitzenden nicht von den Sitzen riss.

TT Nathan Chialo chrJoe Chialo beim Applaus für "Nathan der Weise" © chr

Aber auch Esther Slevogt zeigt sich in ihrem Shortie beeindruckt von Ulrich Rasches dystopischer Deutung des Lessingschen Aufklärungsklassikers: "Der Abend schafft berauschende, bedrückende wie berückende Bilder für eine heillose Welt" schreibt sie und berichtet außerdem von den Festival-Eröffnungsreden, die dagegen hielten und Hoffnung beschworen. Extra-Jubel erntete eine Schulklasse aus Radebeul, deren Lehrerin es geschafft hatte, Karten für die Eröffnung zu ergattern. Die Meinung der Schüler*innen zur Aussichtslosigkeitsbeschwörung von Ulrich Rasches "Nathan" wäre noch einmal besonders interessant. Falls Ihr das hier lest: Wir würden uns über einen Kommentar von Euch freuen!

(sd)


Ausgewogenheit, Tollkühnheit, Schauspielfeste de luxe 

2. Mai 2024. Heute Abend wird das Berliner Theatertreffen eröffnet: Mit Ulrich Rasches Salzburger Inszenierung "Nathan der Weise" mit Valery Tscheplanowa in der Titelrolle. Ein Stück, das "fast alle in der Schule gelesen habe", wie Gabi Hift in ihrer Nachtkritik schrieb.

"So ungefähr weiß man auch, worum es geht: um Aufklärung als Voraussetzung für den Fortschritt der Menschheit. Toleranz zwischen allen Menschen und Religionen. Um Vernunft und Humanismus als Basis von Entscheidungen. All das können so viele unterschreiben, dass es einem langweilig vorkommen könnte. Aber in letzter Zeit gibt es ein erschreckendes Roll-back. Gegen ein solches hat schon Lessing angeschrieben, in dessen Lebenszeit die Aufklärung zunächst aufblühte und dann wieder zurückgedrängt wurde."

Dazu passt in gewisser Weise der zweite Eröffnungsabend, "The Silence" von Falk Richter in der Schaubühne, der vom Schweigen der Nachkriegsgeneration handelt. Und vom Fallout dieses Schweigens auf die individuelle Biografie ebenso wie auf ein gesellschaftliches Gesamtklima.

Großer Andrang

Jedenfalls scheint die Lust auf diese große Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ungebrochen. So berichtet etwa Simon Strauß in der FAZ von großem Andrang auf die Karten. "Das liegt sicher auch an der diesjährigen Auswahl der Inszenierungen, die seit Langem einmal wieder mit einem ausgewogenen Mischverhältnis zwischen erzählerischem Schauspieltheater und freischwingender Problempointenperformance aufwartet", so seine Analyse, "also das tut, was sie tun sollte: Sie bildet die Breite des deutschsprachigen Theatergeschehens ab." (Zur diesjährigen Auswahl der siebenköpfigen Kritiker*innenjury geht es hier – eine Auswahl, die nach Ansicht meines Kollegen Christian Rakow "Ausgewogenheit, Tollkühnheit und Schauspielfeste de luxe vereint".)

In den Tagen bis zum 21. Mai liefern wir hier täglich Kurzkritiken zu den Festivalgastspielen der 10er-Auswahl, Berichte von den Publikumsgesprächen, die nach dem Vorbild unserer tt-Außenblicke in den Jahren vor Corona jeweils von Expert*innen-Impulsen eröffnet werden. Auch darüber werden wir informieren. Und was sich sonst so im Rahmenprogramm tut und tummelt.

(sle) 

Kommentare  
Liveblog Theatertreffen: Eröffnung mit "Nathan"
Ungewöhnlich leise Töne schlägt Ulrich Rasche im „Nathan“ an, die Live-Musiker*innen begleiten das fast vierstündige Geschehen mit einem Hintergrundrauschen, das im Gegensatz zu den früheren Rasche-Inszenierungen sehr zurückgenommen wirkt. Der Abend lässt seinen Protagonist*innen ungewöhnlich viel Raum: vor allem Valery Tscheplanowa in der Titel-Hosenrolle und Mehmet Atesçi mit raubtierhafter Eleganz haben große Auftritte auf der Drehbühne. Eine weitere Hauptrolle übernimmt das Lichtdesign, das den langen Abend zwischen gleißenden Scheinwerfern und düster-antisemitischer Pogromstimmung in unzähligen Schattierungen prägt.

Ein Gewinn für die Aufführung waren die links und rechts mitlaufenden englischen Übertitel: hier wurden die erschreckend antisemitischen Zitate von Denkern der Aufklärung wie Voltaire und Fichte ihren Urhebern eindeutig zugewiesen, die Namen, die in der deutschen Bühnenfassung nie fallen, sondern nur im Programmheft, wurden explizit in der englischen Übersetzung in Klammern genannt.

Kein allzu hohes Vertrauen in die Kraft der Aufklärung hat Rasches „Nathan der Weise“: statt des etwas an den Haaren herbeigezogenen Happy-ends im Original lässt er seine Inszenierung kurz vor Mitternacht mit resignierten Hilferufen von Tscheplanowa ausklingen, die leise verhallen.

Zu dem Zeitpunkt hängt dann nicht nur die Schulklasse aus Radebeul, die Nora Hertlein-Hull besonders begrüßte, erschöpft in den Seilen. Erfreulich war, dass diese Klasse gar nicht dem dauerstörenden Albtraum entsprach, zu dem manche unfreiwillig ins Theater gedrängten Klassenfahrt-Schüler*innen für den Rest des Publikums in Berliner Theatersälen werden.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/05/03/theatertreffen-eroeffnung-2024-kritik/
Liveblog Theatertreffen: Schweigen unserer Generation?
Schön, das die Schulklasse aufgefordert wird zu kommentieren! - Vielleicht kann man die auch extra anschreiben vom tt aus?

Was mich zum Nachdenken angeregt hat, ist der Satz der Kommentatorin (sle) zu "Silence": Ist es nicht so, dass JEDE Generation durch die Geschichte der Menscheit hindurch ihr Reden und auch ihr Schweigen hat(te)? Und dass beides IMMER Fallouts in den nachrückenden Einzelnnen wie in die Gesellschaft hinein erzeugt(e) ? So jedenfalls meine Erfahrung aus generationsübergreifendes Zuhören/Beobachten von repräsentativen wie privatisierten Erzählungen... Wo ist das Schweigen UNSERER Generation? Das Reden bekommen wir ja reichlich geliefert -
Liveblog Theatertreffen: Halbherziges Pflichtpensum
Dass Nathan am Ende außen vor bleibt, wenn sich Saladin, Sittah, Recha und der Tempelherr in den Armen liegen, ist seit Peymanns Inszenierung mit Traugott Buhre von 1981 und jener von Friedo Solter in Ost-Berlin - mit oder ohne Valery Tscheplanowas Stimme - eigentlich Konsens. Alles andere wäre, freundlich formuliert, Selbstbetrug. Lessings Versöhnungspathos in Ehren. Die historische Wirklichkeit hat nicht auf ihn und die Aufklärung gehört. Ihnen folgt höchstens das halbherzige Pflichtpensum von Deutschlehrern.
Liveblog Theatertreffen: Aktualität der Ringparabel?
Noch eins: Mit verblüffender Einmütigkeit wird behauptet, "Nathan der Weise" sei von höchster Aktualität. Ist das so? Wie zeitgemäß ist die Frage Saladins an Nathan: "Was für ein Glaube, was für ein Gesetz/ Hat dir am meisten eingeleuchtet?" Der religiöse Antisemitismus spielt heute eine marginale Rolle. Jene aber, die daran Interesse haben, dass die Religion selbst nicht infrage gestellt wird, kaprizieren sich darauf (Stichwort: christlich-jüdische Zusammenarbeit). Der moderne Antisemitismus von Schönerer, Lueger, Hitler bis zur Hamas hat so gut wie nichts mit dem Gauben zu tun. Auch Konvertiten wurden in Auschwitz ermordet. Das Theaterstück über den Judenhass jenseits von Saladins Frage steht noch aus. Lessings Ringparabel taugt nicht für die heutigen Probleme.
Liveblog Theatertreffen: verborgen
#4: Nö, steht nicht aus. Seit 2010 nicht. Wird aber nicht beachtet. Weder von Verlagen noch von Theatern noch von Lektoren noch von DramaturgInnen oder gar KulturjournalistInnen - es verbleibt hübsch in gelegentlichen privaten Lesungen und wird dort allenfalls von ArchäologiestudentInnen, von AltsprachlerInnen, Sprach- und LyrikfreundInnen, betriebslosen SchauspielerInnen, von Reinigungskräften, MedizinerInnen und HandwerkerInnen etc. und einfach generationsübergreifenden FreundInnen von Kunst bei gleichzeitiger geistiger Freiheit mit hochroten Wängelein debattiert bis gefeiert.

Müssen einem dafür Theater, Theaterverlage, DramaturgInnen, LektorInnen, RegisseurInnen oder gar KulturjournalistInnen leidtun?
Theatertreffen Liveblog: Das TT aus polnischer Sicht
Das Berliner Theatertreffen ist ein Ereignis, das auch im Ausland auf Interesse stößt. Die Perspektiven, aus denen man dabei schaut, sind andere: sicherlich oberflächlichere und anders von Land zu Land. Was Polen angeht, konnte man diesmal gleich in den ersten Tagen Einiges finden, was berichtenswert war. So ist beispielsweise das Eröffnungsstück „Nathan der Weise“, das in Deutschland zum Kanon gehört, in Polen kaum bekannt. Darüber dort jetzt gehört zu haben, ist sicherlich aus vielen Gründen ein Gewinn, u. a. weil man gerade in Zeiten so vieler, nahe stattfindender Kriege Versöhnungsgedanken und aufs gegenseitige Achtung-Setzen besonders braucht. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch, dass das von Lessing, einem deutschen Künstler, erschaffene Werk Ideen enthält, die das in Polen immer noch allgegenwärtige und weiter tradierte Bild von Deutschen als Menschen mit faustischen Zügen etwas zu relativieren hilft. (Goethes großartiger „Faust I“, mehr oder weniger allgemein bekannt, dient leider seit Jahren dazu, ein einseitiges Bild von Deutschen zu verfestigen.)
Was weiter aus polnischer Perspektive auffällt, ist, dass in diesem Jahr mehrere Inszenierungen das Thema des Krieges in verschiedenen Formen umkreisen. Neben „Nathan der Weise“ gehören „The Silence“ und „Bucket list“ dazu. Der Krieg scheint für Theaterschaffende in Deutschland eine wichtige Rolle zu spielen, und dass Theater ihnen den Raum dafür geben, ist auch für das Publikum ein Gewinn. In Polen sieht man zurzeit vergleichsweise wenige Inszenierungen, die sich damit auseinandersetzen. Möglicherweise hängt es mit den Jahren der PiS-Regierung zusammen, der Zeit in der man sich vor allem auf innenpolnische Angelegenheiten konzentrierte, auch der oft zu findende Rückzug ins Private rührt wohl daher. Festzuhalten ist, dass zurzeit in Polen das Weltgeschehen im Theater aus den Augen gelassen wird, der Blick auf solche Themen wäre auch dort wünschenswert.
Interessant ist auch wahrzunehmen, dass man in Deutschland das großartige Schauspielertheater wieder mehr ins Zentrum stellt („Macbeth“) und dass man sich dabei von dem von Frank Castorf erfundenem Schauspielstil entfernt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Theater von Frank Castorf beeinflußte schon seit den 1990-er Jahren ganze Generationen von polnischen Regisseur:innen und wird dort sehr geschätzt. Inzwischen hat man aber ein etwas verengtes Bild von der deutschen Theaterszene, da man diese Stilrichtung als für überall in Deutschland vorherrschende Theaterform hält, ergänzt höchstens durch performative Konzeptionskunstarbeiten. Inspirierend kann ebenfalls sein zu erfahren, wie inklusive Projekte als hochkarätige künstlerische Theaterarbeiten für alle - und nicht als vor allem soziale Projekte - aussehen können („Riesenhaft in Mittelerde“).
Polnischen Dramatiker:innen kann eine moderne, eigenständige Auseinandersetzung mit antiken Stoffen („Laios“ von Roland Schimmelpfennig) neue Impulse für ihre Texte geben, auch das Aufführen zeitgenössischer Dramen auf großen Bühnen wird in Polen kaum umgesetzt, deutsche Beispiele könnten helfen. Auf weitere Entdeckungen in den nächsten Tagen des Theatertreffens darf man gespannt sein. Es bleibt aber schon jetzt festzuhalten: Es wird Inszenierungen geben, die aus kleineren Theaterhäusern stammen. Solche Einladungen sind wiederum beim Warszawskie Spotkania Teatralne (Warschauer Theatertreffen), die demnächst anfangen, schon seit Jahren der Fall.
Theatertreffen Liveblog: Kostümbild "Übergewicht"
Liebe Nachtkritiker*innen
Auf dem Podium des Publikumsgesprächs von "Übergewicht, unwichtig: Uniform" sass nicht die Bühnenbildnerin Mirjam Stängl, sondern die Kostümbildnerin Sabrina Bosshard. Es wurde denn – für einmal – auch vertieft über das Kostümbild gesprochen. Es ist ja ohnehin nicht so, dass Kostümbildner*innen wie auch Theatermusiker*innen zu viel Aufmerksamkeit für ihre Arbeit bekommen. Hier wäre eine Gelegenheit gewesen. Schade, dass auch Nachtkritik sie verpasst (...) hat.

Werte*r Hasi, vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Freundliche Grüße aus der nachtkritik-Redaktion
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