Der ideale Mann - Schauspiel Stuttgart
Hinterzimmer im Oldtimer
29. März 2026. Elfriede Jelineks Überschreibung des "Idealen Ehemanns" von Oscar Wilde hat 15 Jahren auf dem Buckel – aber in Stuttgart schafft es Marco Štorman mit Drehbühne und vielen bunten Rüschen die böse Komödie dann doch zeitgemäß aussehen zu lassen.
Von Steffen Becker
"Der ideale Mann" in Stuttgart © Arno Declair
29. März 2026. Was würde Jens Spahn tun? Die Frage ist unangenehm. Man will nicht an Jens Spahn denken. Aber im Kontext "wie aktuell ist dieses Stück?" drängt sie sich leider auf. Marco Štorman inszeniert "Der ideale Mann" von Oscar Wilde in der Fassung von Elfriede Jelinek. Und obwohl letztere das Werk mit Blick auf die an Skandalen reiche österreichische Politik verarbeitet hat, wirkt auch ihr Stück von 2011 aus der Zeit gefallen.
15 Jahre in die Vergangenheit fühlen sich an wie eine andere Ära – zumindest gemessen an den moralischen Standards. Was zurück zu Jens Spahn führt: Dubiose Finanzierung einer Millionen-Villa, Best Buddy von MAGA-Faschos, Riesen Schaden durch mutmaßliche Masken-Korruption: keine Entschuldigung, keine Reue, dafür heute Kanzler im Wartestand – mit Parteisoldaten im Rücken, die Moral als Schimpf-Wort benutzen.
Die Bühne als gesellschaftliches Geflecht
Da hat Sir Robert Chiltern es auf der Bühne des Schauspiel Stuttgart ungleich schwerer. Eine Erpresserin sprengt seinen Society-Salon und droht mit dem Wissen um ein früheres Insidergeschäft seine Karriere zu zerstören. Jens Spahn hätte sowas einfach ausgesessen. Die gute Nachricht: Spaß macht der Abend trotzdem.
Oldies but Goldies: Karl Leven Schroeder (Vicomte de Nanjac), Christiane Roßbach (Mrs. Chevelev), Silvia Schwinger (Lady Markby), Celina Rongen (Lady Chiltern), Felix Strobel (Lord Goring) © Arno Declair
Eigentlich wünscht man sich ja auch, dass das gesellschaftliche Geflecht wieder engmaschiger, so dass ein Skandal nicht mehr nach drei Schlagzeilen und ohne Folgen verschwindet. Das Bühnenbild von Frauke Löffel bietet dafür Schnüre an, in denen sich die Figuren verstecken und verheddern können, während um sie herum die Party weitergeht.
Figuren mit Comic-Bösartigkeit
Dieses Bild der getrennten Sphären von Schein und Sein greift die Inszenierung in mehreren Varianten auf. Im Zentrum steht etwa ein überdimensionierter Oldtimer, der für Krisengespräche (mit blechernem Klang) und nicht standesgemäßen Sex zum Einsatz kommt, während auf der restlichen Bühne munter Klatsch geteilt und Politik gemacht wird. Die Bühne dreht sich dabei manchmal so schnell wie die Hauptfiguren von der Inszenierung aufgedreht werden.
Gábor Biedermann (Sir Robert Chiltern), Christiane Roßbach (Mrs. Cheveley) © Arno Declair
Christiane Roßbach als Mrs. Chevely (in hot pink) erinnert in punkto lustvoller Comic-Bösartigkeit an Glenn Close. Bei Celina Rongen als tugendhafte Lady Chiltern stand offenbar und kongenial die "desperate housewive" Bree Pate – ausgestattet mit einer flirrenden Strenge. Gábor Biedermann als Sir Chiltern stolpert als verschreckter Dandy zwischen den Ebenen "wer ich war und was ich sein sollte" – rhetorisch auf der Höhe, aber ratlos, wie jemandem wie ihm die Privilegien zu entrinnen drohen.
Altes Auto, alte Lösungen
Felix Strobel als sein nihilistischer Freund Lord Goring versucht ihn zu retten mit der Verzweiflung eines Faulpelzes, der in Aktion katapultiert wird (was sich buchstäblich in spastischen Zuckungen zeigt). Sie funktionieren gut als Duo, das bei aller Schrillheit der bonbonfarbenen Ausstattung den Raum für Reflexion der zugrunde liegenden gesellschaftlichen Spannungen öffnet: überdreht, aber nicht den Bogen überspannt.
Geständnis-Szene im Sand: Gábor Biedermann (Sir Robert Chiltern), Felix Strobel (Lord Goring) © Arno Declair
So ganz losgelöst von der aktuellen Realität erweist sich "der ideale Mann" gerade in ihrer Beziehung. In der Geständnis-Szene wälzen sie sich im braunen Sand eines Reitbodens, der um das Automobil herum ausgelegt ist. Ein passendes Symbol, dass Politik mit alten Lösungen operiert, die zu einer sich weiterdrehenden Welt nicht mehr passen. Mit dem Bild fühlt man sich im Jahr 2026 sehr gut abgeholt.
Der ideale Mann
von Oscar Wilde
Deutsche Fassung von Elfriede Jelinek
Regie: Marco Štorman, Bühne: Frauke Löffel, Kostüme: Yassu Yabara, Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Martin Hemmer, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Philipp Schulze.
Mit: Gábor Biedermann, Sven Prietz, Felix Strobel, Celina Rongen, Gabriele Hintermaier, Christiane Rossbach, Karl Leven Schroeder, Silvia Schwinger.
Premiere am 28. März 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.schauspiel-stuttgart.de
Kritikenrundschau
Oscar Wildes "zwischen den Zeilen lauernde und sich als leichtfüßige Komödie tarnende Moral wird in Marco Štormans erstaunlich langatmig wirkender zweistündiger Inszenierung überdeutlich ausgestellt", ächzt Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (30.3.2026). "Immerhin sind die von Yassu Yabara entworfenen Kostüme und Perücken beeindruckend, bonbonfarben und fluffig. Sie könnten glatt von den Figuren der Adels-TV-Serie 'Bridgerton' getragen werden. Jede Menge Applaus hierfür."
Otto Paul Burkhardt in der Südwest Presse (30.3.2026) ist positiver gestimmt: "Nach Phasen braver Rampenwitzigkeit entsteht auch dank Drehbühne ein pointenreich funkelnder Flow. Storman meidet dauerschrille Hektik, belässt es bei einer fein gewebten Satire über Geld, Liebe, Korruption und all die anderen Baustellen. So wirkt auch das plötzliche Happy End wie die Fortführung der Ironie mit gesteigerten Mitteln."
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Immerhin hat der Abend einen Beweis geliefert, dass in den Theaterwerkstätten aussterbende Handwerksberufe ihr großes Können in die Gegenwart konservieren können. Kostüme, Hüte, Kulissenbauten waren echte Hingucker und vom Feinsten. Auch die Schauspieltruppe hat ihr Bestes gegeben, und versucht den flachen Inhalt mit exaltierter Körpersprache doch noch zu einem Theaterereignis zu machen.
Leider ist das keine Alltagsfliege am Staatstheater Stuttgart.
Intendant Kosminzki sieht sich in der Konkurrenz mit dem Fernsehen.
Die RTL Lisierung des Theaters hat im einstmals Ernst zu nehmenden Staatstheater Stuttgart Einzug gehalten. Es wird aufwändig aber sinnlos, und immer vermeintlich lustig, inszeniert.
Doch noch eine kleine Korrektur zu einem Kommentar . bei Millowitsch konnte man noch lachen, Bei dieser Verblödung eines wunderbaren Stückes blieb das Lachen im Halse stecken.
Wie Herr Stadelmeier schon vor mindestens 10 Jahren in der faz schrieb.
Die Staats Theater in Deutschland haben nicht zu wenig Geld, sondern zu viel.
zum "Stück" am 2.April 2026 : der ideale Mann.