Draußen vor der Tür - Schauspiel Stuttgart
Im Trauma-Konfetti
2. November 2024. Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Stück ist aus denkbaren Gründen zurück auf den Bühnen. Als Leidensshow mit Musik im Stil einer Revue dürfte man es aber noch nie gesehen haben. Regisseurin Sapir Heller hat's gewagt – und trifft trotzdem den Ton der Vorlage.
Von Steffen Becker
"Draußen vor der Tür" in der Regie von Sapir Heller am Schauspiel Stuttgart © Julian Baumann
2. November 2024. Als sich während der Corona-Lockdowns die Zeit dehnte, nahm ich mir sie endlich und begann sie zu befragen: Ich sandte eine Anfrage ans Militärarchiv – mit ein paar Angaben zu meinem Großvater und dem Ansinnen, seine Zeit als Soldat der Wehrmacht nachzuvollziehen. Vier Jahre später sitze ich im Schauspiels Stuttgart und Beckmann spricht mir aus der Seele: "Von meiner Familiengeschichte weiß ich nicht viel. Aber es ist doch auch meine Geschichte: Wenn man hier über Geschichte spricht, spricht man oft über den Zweiten Weltkrieg. Ich weiß auch viel über den Zweiten Weltkrieg: aus Büchern, aus Filmen, aus der Schule. Aber ich weiß kaum etwas über meine Familie und meine Großeltern zu dieser Zeit."
Opas schwieriger Nachlass
Beckmann ist der Protagonist des Stücks "Draußen vor der Tür". Geschrieben von Wolfgang Borchert, wenige Jahre nach dem Krieg. Neu eingerahmt von Sapir Heller und Benjamin Große. Vor die Erlebnisse des Kriegsheimkehrers setzen sie den oben zitierten Eingangsmonolog seines gleichnamigen Enkels. Der fragt sich, warum der Opa mit dem steifen Bein (Sibirien!) mit 85 Selbstmord begangen hat. Was hat ihn gequält, wer war er eigentlich und hat ihn der Krieg dazu gemacht? Im Koffer mit den letzten Habseligkeiten findet er eine Reichsadler-Brosche. Und auf die setzt die Regie den jungen Beckmann (Simon Löcker) ganz real. Eine goldene Adler-Büste, aufgepflanzt auf schwarze, geschlossene Schwingen beziehungsweise Tore – ein mehr als deutliches Symbol für die Aufarbeitung der Geschichte. Eines, das die Inszenierung zumindest vordergründig aufbricht.
Leben mit dem Grauen: Simon Löcker (Beckmann), Anke Schubert (der Andere) © Julian Baumann
Die Tore öffnen sich, geben den Blick frei auf goldenes Lametta – und (Nach-)Kriegstraumata als Revue. "Manchmal muss man Sachen übertreiben, sogar ins Lächerliche ziehen, damit man wirklich damit umgehen kann, ohne Angst vor dem Schmerz und der inhaltlichen Tragik, die sich dahinter verbirgt", erklärt dazu Regisseurin Heller im Programmheft. Klingt grotesk, aber genau damit funktioniert es (nicht vergessen: Das Abo-Publikum fällt zu großen Teilen noch in die zweite Generation unmittelbar nach den Tätern und Mitläufern).
Jedes Bedauern verhöhnt
Die Darsteller machen jedenfalls keine Gefangenen und exekutieren den Revue-Ansatz frenetisch. Als da unter anderem wären: Anke Schubert als "der Andere", die Beckmann immer weiter pusht auf seinem Weg – mit bestimmt-freundlicher "Stell dich nicht so an"-Haltung einer Mutter, wenn das Kind heulend vom Spielplatz kommt. Teresa Annina Korfmacher, die in diversen Frauenrollen alles an Angespanntheit reinlegt, um die grässliche Vergangenheit maximalst wegzudrücken. Tim Bülow als Meerjungfrau beziehungsweise Elbe, die als schnoddrige Reeperbahn-Puffmutter Selbstmord-Gedanken des Protagonisten mit dem Hinweis blockt, dass sie ihn wieder ausspucken werde. Sebastian Röhrle, als blasierter Oberst, der sich von Beckmann nicht die Verantwortung für ein paar Tote zuschieben lassen will – und dafür kalt lächelnd ein Offizierslied raushaut, das wie Rammstein klingt und jedes Bedauern verhöhnt.
Und heute?
Singen gehört zur Revue – und die (modernen) Songs sind auf den Punkt komponiert und passen sich nahtlos in die Szenen des Dramas (von 1947) ein. Ergo ist davon auszugehen, dass die durchgehend stimmlich schrägen Performances als Statement zu lesen sind – man versucht alles, um nach dem Krieg die Traumata mit guter Laune zu überdecken, aber das bleibt eine schiefe Illusion. Abzulesen insbesondere an Simon Löckers Gesicht. Er leidet leidenschaftlich! Überzeugend wechselt er zwischen Selbstmitleid, Aggression und Trauer. Das trägt den Abend und bewahrt die ernste Note zwischen all dem Trauma-Konfetti. Einziger Wermutstropfen: Die Klammer zwischen Borcherts Original und Erinnerungskultur heute bleibt dünn. Wie viel von den Erlebnissen des Kriegs-Beckmann dem Enkel in die Wiege gelegt wurde, verblasst im (Bühnen-)Nebel.
Wie im richtigen Leben. Die Antwort des Militärarchivs an mich ergab nur eine kurze Liste mit Verwendungszwecken, nichts was sich Armeen und deren möglichen Verbrechen hätte zuordnen können. Aber vielleicht taucht noch mal ein Koffer auf.
Draußen vor der Tür
von Wolfgang Borchert
Regie: Sapir Heller, Bühne / Kostüm: Valentina Pino Reyes, Musik: Juri Kannheiser, Alexander Vičar, Licht: Sebastian Isbert, Choreografie: Kathrin Evelyn Merk, Dramaturgie: Benjamin Große.
Mit: Simon Löcker, Teresa Annina Korfmacher, Tim Bülow, Sebastian Röhrle, Boris Burgstaller.
Premiere am 1. November 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-stuttgart.de
Kritikenrundschau
"Das Beste seit langem" im Stuttgarter Schauspielhaus hat Otto Paul Burkhardt für die Südwest Presse (4.11.2024, €) gesehen. Regisseurin Heller schaffe sich "einen eigenwilligen Zugang" zu Borcherts Kriegsheimkehrer-Text und hebele dabei "fast sämtliche Erwartungshaltungen spielerisch aus", indem sie eine Rahmenhandlung erfinde, in der ein Enkel das Leben seines Großvaters erforsche. "Das Konzept geht auf", konstatiert der Kritiker. "Borcherts Stück funktioniert auch als Revue, als Traumvision eines traumatisierten Heimkehrers. Surreal, gespenstisch, aber auch immer wieder empathisch durchwirkt und mit reichlich Denkstoff angereichert."
"Stationendrama stößt auf Liederabend, so eine Kurzschlussdramaturgie erhofft sich ein künstlerisches Funkenschlagen", gibt Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (4.11.2024, €) zu Protokoll. Das Konzept funktioniere erst mal., wenngleich "die verordnete fidele Lockerheit oft verkrampft" wirke, "wie mit angezogener Handbremse ausgeführt, als hätte man Angst, den durch und durch positiven Helden zu stürzen", so die Kritikerin weiter. Ihr Fazit: "Der große Funkenschlag ist, weil vielfach allzu gesittet gesungen und getanzt wird, am Premierensamstag noch ausgeblieben. Die zutiefst menschliche Verzweiflung angesichts der bis heute nicht aufhörenden Kriege, die der junge Held ins Dunkel des Zuschauerraums hinein schreit, sie wirkt nach."
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