FC Prinz Homburg - Staatstheater Wiesbaden
Die Angst des Tormanns vor der Schwedenfront
18. April 2025. Kleist erzählte in seinem "Prinz Friedrich von Homburg" eine Geschichte über militärische Disziplin. Das Duo Amir Reza Koohestani & Mahin Sadri verlegt den Stoff nun kurzerhand in einen Fußballverein.
Von Shirin Sojitrawalla
"FC Prinz Homburg" von Koohestani & Sadri nach Kleist in Wiesbaden © Maximilian Borchardt
18. April 2025. Während der Reitergeneral Prinz von Homburg bei Kleist nicht von seinem anbefohlenen Platz weichen soll, ist der Torwart des FC Prinz Homburg bei Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani dazu verdonnert, Sweeper Keeper zu sein, also die Torlinie hinter sich zu lassen und im Spielgeschehen mitzumischen. Bei Kleist bewegt er sich, bei Sadri & Koohestani steht er starr. Befehle befolgen sie damit beide nicht, Strafen folgen auf dem Fuß. Im Feld wie auf dem Platz. Schließlich geht's um mehr als um Sieg oder Niederlage.
Für den Fußballfan Koohestani sind das preußische Militär in Kleists Stück und Fußball gleichermaßen Systeme der Ehre, der Regeln und der Einigkeit. Sobald jemand aus der Reihe tanze, breche die Ordnung zusammen, erzählt der Regisseur im Programmheft. Parallelen gibt es bis in die Sprache hinein: Schlachtgesänge, Flügelkämpfe, Angriff und Verteidigung. Keine blöde Idee also, Kleists Schauspiel in die Gegenwart und in einen Fußballclub zu transferieren. Und zu Anfang lässt sich das Spiel gut an.
Kontrollierte Offensive
Die Rückwand beherrscht ein grünliches Schneegestöber, oben thront eine Uhr, die den Abend in zwei Halbzeiten, samt Nachspielzeit und einer Pause teilt. Einer mäht den Rasen, während Torwart Fred (lässig gespielt von Lasse Boje Haye Weber) merkwürdig versunken in der Ecke hängt. Die Traumhaftigkeit der Szene markiert ein Gazevorhang, der auch am Ende des Stücks ("Ein Traum, was sonst?") zuzieht.
Besprechung der Taktik: Tabea Buser, Sandrine Zenner, Lasse Boje Haye Weber © Maximilian Borchardt
Kurz darauf sind wir in der Wirklichkeit der Spielergarderobe, lernen die umschwärmte Mannschaftsärztin Natalie (Tabea Buser) kennen, der Chefin des Dragonerregiments bei Kleist nachempfunden, sowie die toughe Co-Trainerin Greta (Sandrine Zenner) und den wie ein junger Hund auflaufenden Mannschaftskapitän Eric (Timur Frey). Den bei Kleist von Natalie verlorenen, von Homburg aufgehobenen Handschuh, trägt Fred praktischerweise gleich unter seinen Torwarthandschuhen. Es handelt sich um einen medizinischen Einmalhandschuh. Kleist down to earth.
Ein schwieriges Spiel
Das ist nicht die einzige Stelle, an der die Konstruktion etwas knarzt. Wenn Trainer Willie, von Christian Klischat mit dem Charme eines Import-Export-Budenbesitzers dargeboten, auf dem Whiteboard die Aufstellung erklärt, wird deutlich, dass hier streng genommen gar nicht so viel auf dem Spiel steht. Im Original geht es um Leben und Tod, in der Wiesbadener Fußballversion erst einmal nur um Sport. Auch eine Frage der Fallhöhe. Die mitgelieferten Unterströmungen des Abends spielen jedoch auf ernste Themen an. Wenn es etwa um die Erschöpfungszustände der Fußballspieler und die Frage geht, wie krank sie sein dürfen und ob die Öffentlichkeit das mitbekommen sollte, denkt man auch an den Suizid des an Depressionen leidenden Torwarts Robert Enke.
Wenn sich Natalie über die Arbeitsbedingung als Ärztin unter lauter Männern auslässt, evoziert das Debatten um Frauenfußball und Chancengleichheit. Und die inszenierten Pressekonferenzen mit der aalglatten PR-Managerin Louisa (Klara Wördemann) erinnern bei Koohestani auch an Trump'sche Showauftritte, die weniger der Information als der Selbstverherrlichung dienen. Der Abend zieht genügend Verbindungen zur Gegenwart, die sich nicht allein in den beliebig fallen gelassenen Schlagworten Instagram und Follower erschöpfen.
Das Lazarett der Fußballer ist die Massageliege: Tabea Buser, Timur Frey © Maximilian Borchardt
In der ersten Halbzeit gelingt es dem Team zudem, mittels Sound, Video und Licht laute, rote, neblige Stadionatmosphäre auf der Bühne heraufzubeschwören. Nach der Pause erwartet das Publikum dann überwiegend Rumsitztheater, bei dem die Dialoge ausdauernd auf der Stelle dribbeln. Schauspieler und Schauspielerinnen sitzen an Tischen und sagen Sätze auf. Im ersten Teil dagegen überraschten noch Frontalblicke auf die agile Trainerbank oder auf den Torwart vor seinem Tor.
Keine Verlängerung
Später plätschert es eher so vor sich hin. Trotzdem kein Abend, um sich zu ärgern, aber leider auch keiner, den man noch mal sehen wollte. Alles so ein bisschen egal. Sätze von der Art "Dann haben wir jetzt ein Problem" fallen eindeutig zu oft. Mag sein, das soll die hohlen Phrasen des Sports karikieren. Manchmal ertönt zum Glück auch noch Kleist, dann ist die Sprache der Star. Nach ein bisschen mehr als 90 gespielten Minuten endet das Ganze mit einem Black. War's das? Ja. Im Text heißt es dazu: "Das Spiel ist zu Ende. Nichts folgt." Kann man so sagen.
FC Prinz Homburg: Träume und Handgemenge
von Amir Reza Koohestani und Mahin Sadri sehr frei nach Heinrich von Kleist
Inszenierung: Amir Reza Koohestani, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Video: Phillip Hohenwarter, Sounddesign: Matthias Peyker, Licht: Steffen Hilbricht, Dramaturgie: Hannah Stollmayer.
Mit: Lasse Boje Haye Weber, Tabea Buser, Christian Klischat, Sandrine Zenner, Timur Frey, Klara Wördemann sowie Anita Illig und Jonah Stoss (Statisterie).
Premiere am 17. April 2025
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, eine Pause.
staatstheater-wiesbaden.de
Kritikenrundschau
Was in "FC Prinz Homburg" für die Schlachtenbummler des Theaters von heute an Analogien zu kurfürstlichen Generälen gezogen wird, wirke "nur sehr bedingt plausibel und nie zwingend", schreibt Stefan Benz im Wiesbadener Kurier (19.4.2025). "Dieser Kleist mit Schraubstollen ist wie Fußball mit Medizinbällen."
"Vieles ist wie im Fernsehen und transformiert sich im Theater doch in etwas Interessantes und Neues. Fußball als routinierte Show. Schön, wie Sadri und Koohestani Kleist-Sätze in ihren Text schieben, die weggesprochen werden wie das andere auch und doch sekundenweise einen Abgrund öffnen", lobt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.4.2025), bleibt aber insgesamt reserviert: Gerade bei den entscheidenden Wendungen meide die Produktion die Stellungnahme und nehme nur das Neckische und Offensichtliche aus der Vorlage mit hinüber in "eine unterhaltsame, aber nicht über Naheliegendes hinausgehende Fußballmär". Es sei eine "Aufführung, die Freude macht, aber in der dramatischen Raffinesse weit hinter dem alten 'Prinzen' zurückbleibt".
Heinrich von Kleists Drama habe rein gar nichts mit einem Fußballspiel zu tun und "leider ändern die zweimal 45 Minuten der Überschreibung nur wenig an dieser Tatsache", so Matthias Bischoff in der FAZ Rhein Main Zeitung (22.4.2025). Die Transformation kranke an der sehr unterschiedlichen Fallhöhe. "So erzählt 'FC Prinz Homburg' trotz allerlei Anspielungen weder etwas über das zeitgenössische Fußball-Business noch deckt es verborgene Schichten in Kleists Drama auf."
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Warum kein wirklich neues Stück über den gewaltsamen Stress des Fußballs machen?
Warum keinen Kleist spielen, in dem der Krieg innen und außen tobt und Kleist wirklich als Text vorkommt? Gibt es in unserer Welt keine Kriege mehr? Viel bessere Texte haben wir für diesen furchtbaren Zustand des Menschseins in deutscher Sprache nicht.
(...)