Ich seh dir in die Augen, Weltuntergang

18. November 2024. Beim Festival Fast Forward trifft sich der europäische Regienachwuchs. Wer in einem Jahr wie diesem mit einer Verlängerung der globalen Großkrisen auf die Bühne gerechnet hätte, sah sich eines Besseren belehrt. Es ging, oft wütend, um die Liebe.

Von Michael Bartsch

Produktion "Scream Box" beim Festival Fast Forward in Dresden © Alana Proosa

18. November 2024. Fast Forward beanspruche nicht, europäische Theatertrends zu spiegeln, und diene schon gar nicht als Trendsetter, hat Festivalkuratorin Charlotte Orti von Havranek stets betont. Es sei in Zeiten von Vielfalt und Multiperspektive ohnehin müßig, nach einem irgendwie uniformierbaren Stream zu fahnden. Die jungen Regisseurinnen und Regisseure aus sechs europäischen Ländern und die meist gleichjungen Spieler U30 würden eine solche Frage auch kaum verstehen. Denn ihre acht von Charlotte Orti aus 200 Kandidaten ausgewählten Inszenierungen stehen für sich, sind authentisch und bestätigten nur die These, dass dynamisches, innovatives Theater keinen künstlerischen oder konsumorientierten Moden folgen kann und darf. 

2017 brachte Staatsschauspielintendant Joachim Klement das 2011 in Braunschweig von ihm ins Leben gerufene Festival für junge europäische Regie nach Dresden mit. Zeitloser Leitgedanke ist der Austausch, die Begegnung von jungen Profis, die meist über die freie Szene an ihrer Selbstfindung und Profilierung arbeiten – mithin ein Fördergedanke. Das funktioniert seit acht Jahren in Dresden besonders gut – und gemessen an der Kartennachfrage lag die Auslastung erneut bei gefühlt 120 Prozent.

Probelauf für praktische Veränderungen

Und doch lassen sich bei Fast Forward auch Entwicklungen ablesen. Was diese jungen Besucherinnen und Besucher mit den Akteuren und ihren Inszenierungen verbindet, lässt Schlüsse auf veränderte Grundempfindungen dieser Generation zu. Die Themenwahl, das Mischungsverhältnis von Ernsthaftigkeit und Unterhaltung und die Art der Rezeption, die stillen wie auch beklatschten und belachten Passagen liefern zumindest Indizien. 

Zur Eröffnung am 14. November hatte Heidi Wiley, Geschäftsführerin des Festivalpartners European Theatre Convention ETC, noch einen in Flammen stehenden Themenhorizont abgesteckt. Der Vormarsch der Reaktion in Europa und den USA, der weltweite Rückfall in die Barbarei, ein Atavismus des Beziehungsrespekts zwischen Menschen und Gruppen. Hinter solchen aktuellen Alarmen scheint die noch vor fünf Jahren dominierende Frage der nachhaltigen Bewohnbarkeit unseres Planeten zu verstummen.

Ein Herz für Hunde: "Concerto fetido su quattro zampevon" von Alice und Davide Sinigaglia © Cosimo Trimboli

Kuratorin Orti sah zum Abschluss des Festivals am Sonntag ihre Beobachtung bestätigt, dass auch ältere Theaterleute die Chance der Bühne wiederentdecken, "Räume aufzumachen, die es anderswo schon nicht mehr gibt". Ein Ort der fiktiven Lösungsexperimente gemeinsam mit dem Publikum, der praktische Veränderungen stimulieren könne.

Manifeste und Gebell von Straßenkötern

Man darf ein solches Festival der überwiegend kleinen Formen auch nicht mit "großen Themen" überfordern. Latent spielten sie immer mit. Auf akademische Weise im portugiesischen Beitrag "Manifestos for after the end oft he world", konzipiert von Isabel Costa. Beim Wandeln durch die Flure der Hochschule für Bildende Künste wurden an sieben Stationen sieben nach dem Jahr 2000 verfasste Texte deklamiert. Weniger kämpferische Manifeste als Essays über das Anthropozän und Versuche "die Errungenschaften der untergehenden Welt zu bewahren". Schade nur, dass die Autoren nicht mitgeteilt wurden.

Ungleich sinnlicher und emotionaler rissen die italienischen Geschwister Alice und Davide Sinigaglia besonders die jüngsten Zuschauer in einen rebellisch-sarkastischen Rausch. Das "Stinker-Konzert auf vier Pfoten" wirkte wie eine musikalische Illustration des Schopenhauer-Satzes "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere". Die beiden versetzen sich beim Spott über eine dekadente Wohlstandsgesellschaft in die Position von Straßenkötern und landeten tatsächlich bei der Behauptung "Hunde sind die besseren Menschen".

Lizenz zum Töten des verruchten Männergeschlechts

Gleich der erste Beitrag am Eröffnungsabend ließ für das Festival eigentlich noch Heftigeres erwarten. Gekonnter Bühnenschock, vier wandlungsfähige und imitationsbegabte Spielerinnen unter der genauen und effektvollen Regie von Emilienne Flagothier, die in Belgien als Shooting Star gelten soll. Handwerklich ein Preisfavorit. Aber der Plot, die Idee!? Auch viele Männer applaudierten, wenige andere verließen den Saal. Denn sie sind im Stück nun die finalen Opfer des sich rächenden weiblichen Geschlechts. 

Die über Jahrtausende erlittene Unterdrückung oder zumindest Unterprivilegierung der Weiblichkeit verleiht die Lizenz zum Töten. Rechtfertigenden Anlass muss nicht etwa ein physischer Übergriff liefern. Es genügt, wenn sich Kerl beim Anblick einer Frauengruppe einen runterholt, schlecht einkauft und kocht oder bei einem versuchten Liebeslied am Stagepiano kläglich dilettiert. Die Männerallergie fordert Tod durch Schlachten mit Schwert, Vergiften, Erschießen oder Abbeißen des Penis.

Ragevon / by Emilienne Flagothier Männer-Jägerinnen in "Rage" von Emilienne Flagothier © Margot Briand

Lange schwankt man, ob hier radikaler Feminismus auf die Spitze getrieben oder versteckt parodiert wird. Eher wie ein Comic habe das Gemetzel auf ihn gewirkt, neigt ein Zuschauer zu letzterem. Ein Hinweis auf eine Eigenart dieses frankophon dominierten Festivals. Die These, Franzosen oder eben auch Wallonen könnten auch schwere, existenzielle Stoffe mit größerer Leichtigkeit, ja Charme umsetzen, ließe sich anhand des Jahrgangs 2024 mehrfach bestätigen.

Körpertheater auf Augenhöhe

Die drei Preise aber gingen an stillere, ja introvertierte Inszenierungen. Das Publikum entschied sich per Stimmzettel für die Soloperformance "I'm deranged" der gebürtigen Iranerin Mina Kavani. Die Migrantin schildert ihre Zerrissenheit zwischen der anhaltenden Gefühlsbindung auch an das repressive Heimatland und dem Assimilationsdruck in Paris. Schizophren fühle sie sich, habe "die Verbindung zu mir selbst gekappt".

An gleicher Stelle im Festspielhaus Hellerau ließen sich auch die Jugend- und die Fachjury vom emotionalsten Stück mitreißen. Clément und Guillaume Papachristou sind zwei belgische Zwillingsbrüder aus Marseille, wo "Une tentative presque comme une autre" vor vier Jahren erstmals gezeigt wurde. Im Titel steckt schon jene feine französische Selbstironie, denn der Umgang der Brüder miteinander ist keineswegs ein "Versuch, fast wie jeder andere auch". Guillaume lebt von Geburt an mit einer Hirnverletzung, nutzt einen Rollstuhl, ist sprach- und bewegungsbehindert. Und dennoch widmet er sich dem Theater, wo sein Bruder als Regisseur und Dramaturg tätig ist. 

Wie natürlich, heiter und selbstverständlich die beiden ihr Verhältnis vorführen, lässt Barmherzigkeitsattitüden ebenso verstummen wie das Inklusions-Schlagwort. Clément zelebriert keine Helferrolle, beider zärtliches Körpertheater zeigt einen Umgang auf Augenhöhe. Ihr Witz und ihre ansteckende Liebenswürdigkeit übertrugen sich auf das Publikum, das schließlich in der Hellerauer Arena zum Tanzen aufgefordert wurde.

Auch das Private bleibt politisch

Kategorien wie Tanz oder Performance ist dieser zur Preisverleihung am Sonntagabend noch einmal intensiv gefeierte Beitrag eigentlich nicht zuzuordnen. Höchstens jenen stilleren, psychologisierenden, sehr persönlichen Beiträgen, wie sie jeder Festivaljahrgang auch bringt. Ihre gesellschaftliche Relevanz erscheint nur nicht so plakativ, sie erinnern eher an das 68er Motto, dass auch das Private politisch sei. 

Une tentative presque comme une autrevon / by Clément & Guillaume Papachristou Gewinner-Inszenierung "Une tentative presque comme une autre" © Baptiste Le Quiniou

Aus Serbien kam eine Dreipersonenfassung des 1999 von der britischen Dramatikerin Sarah Kane geschriebenen "4.48 Psychose", ein Schrei nach Leben während eines aussichtslosen Klinikaufenthalts. Wenig später nahm sich die Autorin mit 28 Jahren das Leben. Für Dresdner besonders aufschlussreich, denn hier lief 2019 in der Experimentierbühne "Semper 2" der Semperoper eine Version als Kammeroper.

Auch die "Scream Box" aus Estland war trotz anatomischer Einlagen weniger eine Performance über die menschliche Stimme als ein Theateressay über die uns damit gegebene Möglichkeit des Schreiens. Des Frei-Schreiens, des Herausbrüllens nämlich und der damit verbundenen Selbstheilung. Ein originelles Spiel, das aber mit dem endlosen Zelebrieren von tierischen Urlauten, von nonverbaler Kommunikation schließlich zu lang geriet.

Latentes Unbehagen an den Zuständen dieser Welt war durchweg zu spüren, aber rebellisch herausgeschrien wurde es in Dresden weniger. Die Stimmung ist keine revolutionäre, und Widerstand darf, ja muss auch Spaß machen. Vielleicht polarisierte deshalb bei aller Verschiedenartigkeit dieser Fast Forward-Jahrgang wenig, nicht einmal nach der femininen Mordlust von "Rage". Blieb doch nicht nur bei den Preisträgern die Ansage, dass eine Lösung der großen, komplexen Probleme beim Intimsten, Persönlichsten ansetzen muss: Beim Schenken und Empfangen von Liebe.

Fast Forward – 14. Europäisches Festival für junge Regie
14. bis 17. November 2024 am Staatsschauspiel Dresden

In Kooperation mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste und der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie dem Kunsthaus Dresden. Mit Unterstützung des Fördervereins Staatsschauspiel Dresden e. V. und der European Theatre Convention ETC.

www.staatsschauspiel-dresden.de 

Kommentare  
Fast Forward Festival, Dresden: Quellen "Manifestos"
Lieber Michael Bartsch, die Autoren und Textquellen zu "Manifestos for After the End of the World" von Isabel Costa sollten dem Publikum am Ende jeden Durchlaufs eigentlich ausgeteilt worden sein. Hier sind sie:
Beschleunigungsmanifest für eine akzelerationistische Politik von Alex Williams und Nick Srnicek / Manifest gegen die Arbeit von Grupo Krisis / Den Animismus zurückgewinnen von Isabelle Stengers / Manifest der Fürsorge. Die Politik der Interdependenz von Das Care-Kollektiv / I Am a Nasty Woman von Nina Donovan / Die Naturschutzrevolution. Radikale Ideen zur Überwindung des Anthropozäns von Bram Büscher und Robert Fletcher / Post-futuristisches Manifest von Franco Berardi
Beste Grüße, Charlotte Orti
Fast Forward Festival, Dresden: Quellen
Ich habe die Quellen direkt bei der Kopfhörer-Ausgabe bekommen.
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