Traumfahrer in Hotdog-Raketen

17. Oktober 2024. Von der Besiedlung des Mars erzählt Philippe Quesne mit Ray Bradburys sozialkritischer Science-Fiction-Erzählung "Chroniken vom Mars". Die Menschheit bricht auf zu neuen Kolonien, aber mit den alten Lastern im Gepäck.

Von Andreas Klaeui

Philippe Quesne zeigt Ray Bradburys "Chroniken vom Mars" in Basel © Martin Argyroglo

17. Oktober 2024. Der rote Planet ist ein Greenscreen, wie er in Filmstudios aufgezogen wird; die Darsteller:innen tragen marsmenschengrüne Overalls und schlendern Hotdogs kauend auf die Bühne, einzig eine Autor-Figur (Andrea Bettini) trägt Menschenkleidung, aber auch einen grünen Schal.

Ein Werk im Entstehen zeigen Philippe Quesne und das Basler Ensemble mit Ray Bradburys "Chroniken vom Mars", das große Sci-Fi-Pathos auf der Leinwand, seine Verfertigung gleich daneben auf der grünen Bühne. Monitore auf einem Regie- und Ton-Mischpult zeigen, was für Schauplätze eingespielt werden. Das Lagerfeuer am Marsgebirge, die cosy Sitzecke im Bungalow, der tote Sandsee vor glühend rotem Himmel. Die Raumfahrer bekommen Playmobil-Ritterrüstungen. Ihre Raketen sehen aus wie Hotdogs, respektive aus den eingangs herbeigetragenen Hotdogs werden durch den Zauber der Videotechnik Mini-Raketen, die eine Gruppe von liliputanischen, aber sehr menschenähnlichen Marsianern in Augenschein nimmt.

Während die Erde im Atomfeuer verglüht

Überhaupt der Hotdog. In Bradburys Roman lässt er sich als Chiffre für eine entfesselte, zerstörerische Kommerzialisierung der Welt lesen. In einer seiner eindrücklichsten Geschichten – und in einer besonders prägnanten von vielen prägnanten Szenen an diesem Abend – baut ein schmieriger Cowboy auf dem Mars einen Hotdog-Stand auf, "die besten Würstchen zweier Welten". Die besten Zwiebeln, der beste Senf, während im Hintergrund die Erde in einem Atomfeuerball aufgeht.

Chroniken vom.Mars 1 CMartinArgyroglo uDer Rote Planet im Greenscreen: das Basler Ensemble auf der Film-Set-Bühne von Philippe Quesne (Bühnenbildmitarbeit: Elodie Dauguet) © Martin Argyroglo

Zwischen Zukunfts-Supertechnikfantasien und realen Atomkriegsängsten schrieb Ray Bradbury seine "Mars-Chroniken", die sich nicht wirklich zum Roman fügen, sondern lockere Geschichtenfolge bleiben, in einer fiktiven Zukunftschronologie aneinandergereiht. Er fantasiert wohltuend inkonsistent und unsystematisch, wenn auch nicht gänzlich frei von den neurotischen Zwängen des Genres, eine menschliche Kolonisierung des Mars, während ein globaler Atomkrieg die Welt zerstört. Die Science-Fiction erstreckt sich über einen Zeitraum von 2030 bis 2057 (was bei ihrem Erscheinen 1950 noch in weiter Ferne lag), die Raumfahrer sind nacheinander Forscher, gewalttätige Pioniere, spießige Siedler, Flüchtlinge, Touristen und zuletzt die Gründer einer neuen Neuen Welt.

Aus Wüstensand mach grüne Lunge

Die Marsianer:innen muten mal an wie US-amerikanische Middleclass-Paare, die ihr Fondue chinoise einfach in flüssiger Lava sieden statt am Tischset, mal sind es faszinierende blaue Lichtkugeln, die in der göttlichen Grazie leben, mal Halluzinationen, die immer gerade die Gestalt annehmen, die das Wunschdenken des menschlichen Gegenübers erfordert, und sich dabei verzehren.

Bradburys Mars ist ein fantastischer Planet, womöglich auch die Utopie einer besseren Welt, auf der die Wesen im Einklang mit der Natur leben, bis die Menschen Niedertracht und Windpocken importieren. Aber natürlich auch ein durchaus irdischer Planet. Zwei Marsmissionare formulieren einmal ihre Aufgabe als Streben, das Menschliche im Nicht-Menschlichen zu erkennen, beziehungsweise das Unmenschliche im Menschlichen.

Chroniken vom.Mars 3 CMartinArgyroglo uDie Idylle trügt: die Basler Raumfahrer posen fürs Videobild (Design: Robin Nidecker) © Martin Argyroglo

Natürlich ist das auch die Absicht von Philippe Quesne und Ensemble. Nur sind sie in einer Welt, in der die Science-Fiction nicht mehr den Zauber haben kann wie in den Fifties, wesentlich ernüchterter. Ums Jahr 2000 herum siedeln sie ihre Mars-Chronologie an, mithin als überholte Zukunftsvisionen. Das öffnet Raum für unerfüllte Sehnsucht, und damit auch für weit ausholende Leinwandgefühle und groß orchestrierte Filmmusik.

Als in einer geradezu frühökologistischen Szene der Mars tatsächlich grün werden soll, nämlich durch einen Raumfahrer, der in der Wüste Samen setzt und über Nacht im üppigsten Dschungel aufwacht, wird dieser grüne Morgen in Basel zum wagnerianischen Opernfinale, die Stimmen überschlagen sich im Diskant, die all die Baumsorten aufzählen, die Landschaft leuchtet in den unwirklichsten Fantasy-Farben.

Reiz des Backstage-Blicks

Die Welt als Wunschtraum und Hotdog. Das Spiel mit den Genre-Konventionen, aber auch den melodramatischen Sehnsüchten hat vielerlei Reiz. Quesne und Ensemble spielen es mit Lust und ohne Scheu vor Over-the-Top aus. Dass sie gleichzeitig mit den Klischees ihre virtuose Verfertigung zeigen, hat den Vorteil der Erdung (um im Bild zu bleiben) und zugleich natürlich den Reiz des Backstage-Blicks – wenn Annika Meier und Gala Othero Winter die Geräusche simulieren wie in einem Vintage-Hörspielstudio, eine Nagelbüchse für die scheppernden Ritterrüstungen, zerbrechende Hölzchen für abgemurkste Wirbelsäulen. Oder wenn Kay Kysela alle Figuren einer Szene solo synchronisiert, die gutturalen Mars-Kehlen, den seifigen Marktschreier. Vor allem weist es auf die Kontingenz dieser "Chroniken" hin. Beautiful Dreamers singen die Basler Raumfahrer mal mit Roy Orbison. In der Tat!

 

Chroniken vom Mars
nach Ray Bradbury
Inszenierung, Bühne, Kostüme: Philippe Quesne, Bühnenbildmitarbeit: Elodie Dauguet, Videodesign: Robin Nidecker, Lichtdesign: Mario Bubic, Dramaturgie: Anja Dirks.
Mit: Andrea Bettini, Jean-Charles Dumay, Sébastien Jacobs, Kay Kysela, Annika Meier, Gala Othero Winter.
Premiere am 16. Oktober 2024.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

"Quesne und sein Ensemble liessen an der Premiere keine Sekunde Langeweile aufkommen", schreibt Florian Oegerli in der Baseler Zeitung (18.10.2024), der einen der vergnüglichsten Abende seit langem erlebte. "Gerne wäre man am Ende länger in dieser absurden und doch vertrauten Welt geblieben. Auch die Basler Schauspieldirektorin Anja Dirks, die Dramaturgin des Abends, trug ihren Teil dazu bei. Vor der Premiere wurde sie vom französischen Kulturministerium mit dem Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet - verdientermassen. Das Publikum war ihr und Quesne sichtlich dankbar dafür, dass die beiden den Charme des französischen Theaters nach Basel zurückbringen."

Die Musik von Holst bis Presley ist genauso bezaubernd wie das Ensemble, diesmal mit reizenden Französismen garniert, schreibt Jürgen Reuß in der Badischen Zeitung (18.10. 2024) und freut sich über die vielen netten Einfälle. "Es gibt nur eine Frage, die den Abend ruinieren kann: Warum das Ganze? Mit den existenziellen Fragen der Mars-Chroniken hat die Inszenierung nichts am Hut. Auf der Bühne folgen wir einem Autor, der sich so an den technischen Umsetzungsmöglichkeiten seines Stoffs berauscht, dass er den Inhalt völlig aus den Augen verliert. Das Epos über das Schicksal der Menschheit wird zur Fahrstuhlunterhaltung."

"Ein Stück wie aus einem Zauberkasten, komisch, pointiert und überraschend, mit allen Facetten gut gemachten Theaters," schreibt Johannes Fröhlich im Südkurier (18.10.2024). "Ein utopisches Labyrinth, in das man sich gerne verirren mag."

Kommentare  
Chroniken vom Mars, Basel: Präzisierung der Zeit
Ray Bradburys Original-Zukunft ging von 1999 bis 2026. Als die Zeit seine Zukunft eingeholt hatte, schoben die Verlage die Zukunft um 31 Jahre weiter.
Kommentar schreiben