Heiseres Lachen

23. Juni 2024. Vom Glanz der Operettenära der 1920er Jahre und von ihrer Gefährdung will Corinna von Rad in Stuttgart mit "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" erzählen. Und sie hat sich dafür tatkräftige Unterstützung besorgt: Sänger*innen der Staatsoper, Romanstoff von Joseph Roth – und das angesagte Tiroler Ensemble Musicbanda Franui.

Von Verena Großkreutz

"Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" von Corinna von Rad in Stuttgart © Toni Suter

23. Juni 2024. Nee, nee, an diesem Abend gibt es kein Henne-Ei-Problem. Es ist völlig klar, was zuerst da war. Erst die Henne: in Gestalt des Wunsches, Operettenmusik in Arrangements der Musicbanda Franui auf die Bühne zu bringen. Dann das Ei: Joseph Roths früher Roman "Hotel Savoy" (von 1924), der nun dafür herhalten muss, als eingeschmolzenes, schütteres Handlungsgerüst für die Musik zur Verfügung zu stehen. Anders ließe sich nicht erklären, warum beides so überhaupt nicht zusammenfindet in der neuesten Produktion des Schauspiels Stuttgart namens "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau".

Zerstörung der Operettenlandschaft durch die Nazis

Das Anliegen des Franui-Chefs Andreas Schett und der Regisseurin Corinna von Rad ist absolut hehr, keine Frage, der Abend will viel. Etwa die Leben des Autors, seiner fiktiven Romangestalten und jener jüdischen Operettenkomponisten und -librettisten zusammenzubringen, die durch den nationalsozialistischen Terror in die Flucht getrieben wurden. So wie Emmerich Kálmán, Bruno Granichstädten oder Paul Abraham. Oder umgebracht wurden wie Fritz Löhner-Beda, oder in Gestapo-Haft Suizid begingen wie Rudolf Schanzer – beide Librettisten Franz Lehárs. Joseph Roth, selbst jüdischer Herkunft und Soldat im Ersten Weltkrieg, ging 1939 im Exil an einer Lungenentzündung und seinem Alkoholismus zugrunde.

Die Gestrandeten im "Hotel Savoy"

Die Idee ist gut: Operettenhits als Projektionsflächen unerfüllbarer Träume und Sehnsüchte zu nutzen, in einer Welt, die verbrennt, die offenen Auges in die Katastrophe, in die Barbarei tanzt. In Roths Roman ist die Welt aus den Fugen geraten, dem Untergang geweiht, und das Hotel Savoy steht als Symbol dafür: ein riesiger, einst mondäner Kasten in einer kleinen Stadt "an den Toren Europas", heruntergekommener Zufluchtsort für Gestrandete, Heimatlose, solche, die der Erste Weltkrieg wieder ausgespuckt hat, wie den Ich-Erzähler des Romans, Gabriel Dan, der heimkehrt aus dreijähriger Kriegsgefangenschaft. Und drumherum gärt die Revolution. Das Hotel wird am Ende niederbrennen.

Stimme ist alles: Josefin Feiler, dahinter: Gábor Biedermann, Josephine Köhler, Paula Skorupa, Moritz Kallenberg, Klaus Rodewald © Toni Suter

Wenn sich also das Switchen von einem Operettenhit zum anderen – von "Dann nehm ich meine kleine Zigarette" über "Da geh ich zu Maxim" bis zu "Toujours l'amour" – irgendwie in die Atmosphäre des Romans einfügen würde, dann könnte es funken zwischen beiden.

Aber die Regisseurin Corinna von Rad macht einen entscheidenden Fehler. Sie veralbert den Romanstoff. Setzt etwa auf platte Travestie wie im Falle von Gabriel Dans reichen Verwandten: Josephine Köhler als Onkel Phöbus steckt im Fatsuit mit schütterem Haar, stapft breitbeinig, artikuliert sich so laut und schrill, dass Brotbrocken explosiv aus dem Mund knallen. Und der lange Kerl Gábor Biedermann spielt Phöbus' Frau mit Riesenbusen und klischeehaft hochgetunter Stimme. Ständig Knallchargentum, schenkelklopfende Übertreibung: heiseres Lachen, Gebrülle, zappelige Choreos, in Frack samt Tütü herumhüpfende Männer.

Das Ensemble ist fast durchweg im Outriermodus, das Publikum ständig am Giggeln. Das ist gemein: Man verrät die Charaktere des Romans, die Roth mit feiner Ironie, sehr genau, mal liebevoll, mal mit spitzer Feder gezeichnet hat: den um seine Existenz und noch im Sterben kämpfenden Clown Santschin etwa. Die Regie lässt den Todgeweihten doch tatsächlich noch einmal in einer peinlichen Clownsnummer samt eselsbeohrtem Assistenten herumalbern (der im Roman ein echter Esel ist, was Boris Burgstaller auf der Bühne aber nicht deutlich machen kann).

Die Figuren bleiben oft unscharf, wie auch der alte Liftboy Ignatz, eigentlich ein zwielichtiger Spion und Ausbeuter, der hier aber zur harmlosen Staffage gerät. Derweil Marco Massafra als Gabriel Dan ständig mit erstaunten, melancholischen Augen und viel Romantext rezitierend um die Szene schleicht. Dass er ein traumatisierter Kriegsheimkehrer ist, nimmt man ihm nicht wirklich ab.

Musicbanda Franui mit Trauerflor

Gespielt wird auf einer revueartig ausstaffierten Bühne, rund, ein paar schwarze Holzstühle drauf, mit breitem Steg zur Rampe. Drüber eine rund gebogene Schiene, an der ein dicker Vorhang eingefädelt ist, den man einmal rundherum schließen kann. Gelegentlich wird eine geometrisch hübsch geformte Kuppel vom Bühnenhimmel heruntergelassen, die das Flair eines mondänen Hotelfoyers verströmt. Links vom Steg sitzt die Band Franui, kommt zum Einsatz, wenn sich die Personage im Varieté trifft.

Knallchargen-Spiel im Hotel Savoy: Marco Massafra, Josephine Köhler, Gábor Biedermann, Statisterie, im Hintergrund: Moritz Kallenberg, Josefin Feiler © Toni Suter

Franui, die zehnköpfige Musicbanda aus Osttirol, verleugnet auch an diesem Abend nicht ihre Herkunft aus einer Trauermarsch-Blaskapelle, wenn sie musizierend ans Grab von Santschin schreitet, für das sich eine Klappe öffnet im hölzernen Bühnenboden. Bei Franui trägt Humoristisches stets auch Trauerflor, Melancholie paart sich mit Witz. Weich harmonierende Blasinstrumente treffen auf Geige, Bass, Hackbrett, Harfe und Akkordeon.

Die Operetten-Songs sind deftig und saftig instrumentiert. Da schluchzt die Geige, da juchzen und gurren die Trompeten. Das ist schön. Was auch für den Gesang gilt, für den man sich Unterstützung von der Stuttgarter Staatsoper geholt hat: durch die Sopranistin Josefin Feiler, die als Stasia, als junge, von Männern umschwärmte Varieté-Künstlerin auch darstellerisch überzeugt; außerdem durch den Tenor Moritz Kallenberg in den Rollen des reichen Jung-Schnösels Alexanderl und des zynischen Arztes. Inga Krischke, die kurzfristig eingesprungen ist und unter anderem den von allen hoffnungsfroh erwarteten amerikanischen Millionär Bloomfield spielt, bringt stimmlich Musicalsound ins Spiel. Aber auch das Schauspielensemble zeigt Stimme: von Klaus Rodewald (als draufgängerischer Revoluzzer und Kumpel von Gabriel Dan) über Gabór Biedermann bis hin zu Josephine Köhler.

Aber sie können alle noch so schön singen, Operette und Roman gehen nicht zusammen. Es fühlt sich falsch an. Weil Musik und Ranschmiss alles überstrahlen.

 

Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau
eine Hybridoperette mit der Musicbanda Franui auf der Textgrundlage des Romans von Joseph Roth
Inszenierung: Corinna von Rad, Musikalische Leitung: Andreas Schett, Bühne: Ralf Käselau, Kostüme: Sabine Blickenstorfer, Licht: Felix Dreyer, Choreografie: Altea Garrido, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Marco Massafra, Josefin Feiler, Moritz Kallenberg, Inga Krischke, Klaus Rodewald, Josephine Köhler, Boris Burgstaller, Gábor Biedermann, Musicbanda Franui sowie Statist*innen (Harry Bednarz, Rebecca Kustek, Wolf Liebermann und Olena Shvab).
Uraufführung am 22. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Eine Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart

www.schauspiel-stuttgart.de

www.staatsoper-stuttgart.de

 

 Kritikenrundschau

"Die wenigsten Figuren, die hier auftauchen (...), sind dort, wo sie sich gerade befinden, zu Hause, alle wollen sich häuten, irgendein Leben abstreifen, weg", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.6.2024), der vor allem Josephine Köhler hervorhebt: "Köhler spotzt und spuckt Ei, echauffiert sich, schimpft, riesengroß, fabelhaft." Aber der Abend verliere sich "zunehmend in den vielen angerissenen, angedeuteten Geschichten, so pointiert die einzelnen Momente auch hingestellt sein mögen". Josefin Feiler allerdings, als Gast von der Staatsoper dabei, sei ein "Glück". Feiler spiele "grandios, schonungslos", sie kenne "keine Eitelkeit, dafür immensen Witz" und sei "hellwach".

"Sehr unterhaltsam" und "oft lustig" findet Susanne Benda diesen Abend in der Stuttgarter Zeitung (24.6.2024). Dafür nehme man auch in Kauf, dass "feine Romanpassagen zwischen den Musiknummern gelegentlich zu banalen Zwischendialogen verkommen". Problematisch werde es aber dort, wo die Inszenierug "in die parodistische Überzeichnung" kippe. Dann nämlich chargierten die Darsteller gerne, "kobolzen kirchernd vor sich hin". Das Ensemble allerdings mache den Abend "singend, tanzend, sprechend, spielend zu einem quirligen Theaterereignis", so die Kritikerin.

Regisseurin Corinna von Rad mische in dieser Melange aus Romanadaption und Operette Ironie mit Herbheit, so Otto Paul Burkhardt in der Südwestpresse (24.6.2024): "Fabrikanten in Tütüs und traurige Clowns lieben, leiden, stützen und hintergehen sich. Das Politische schwinge lediglich mit. "Wer will, kann alles hören: die Ambivalenz der Operette zwischen Bespaßung und Subversivität, den riesigen Echoraum des Romans in Zeiten von Krieg und Revolution."

Kommentare  
Hotel Savoy, Stuttgart: 2 Stunden Klischees
Ja, die Kritik trifft leider ganz zu; dass so eine Aufführung über die Bühne kommen kann, ist unerklärlich, und das nicht an irgendeinem kleinen Stadttheater. Gibt es einen Intendanten in Stuttgart, was macht er denn hauptberuflich?
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