Trunken geht die Welt zugrunde

20. Mai 2024. Der Gast ordert ein Glas Wein, der Kellner führt die Order aus, that's it. Mit diesem absichtsvoll simplen Setting eröffnet Forced-Entertainment-Mastermind Tim Etchells die neue "Volksstück"-Reihe der Wiener Festwochen unter der Leitung von Milo Rau. Wieviel Drama und Politik stecken im schlichten Bestellvorgang? Das ist hier die Frage.

Von Andrea Heinz

"Die Rechnung" in der Regie von Tim Etchells bei den Wiener Festwochen © Nurith Wagner Strauss

20. Mai 2024. Ein Gast, ein Kellner. Ein Tisch, darauf ein weißes Tischtuch, darauf ein Glas. Eine Flasche Wein. Was kann da schon schief gehen? Natürlich viel, zumal, wenn all das sich auf einer Theaterbühne befindet, und erst recht, wenn Forced Entertainment-Mastermind Tim Etchells für Text (zusammen mit Bertrand Lesca und Nasi Voutsas) und Regie verantwortlich zeichnet.

Mit Rebensaft in die Katastrophe

"Die Rechnung", 2023 als "L'Addition" beim Festival d'Avignon uraufgeführt und nun bei den Wiener Festwochen erstmals in der deutschsprachigen Version zu sehen, basiert auf einer reichlich simplen Geschichte: Der Gast bestellt, ein Glas Wein nämlich, der Kellner führt die Bestellung aus. Allerdings etwas zu sehr, er hört nicht mehr auf mit dem Einschenken, irgendwann ist alles voll mit imaginärem Wein. Denn die Flasche ist leer, Ablauf und Gesten werden, in unterschiedlichen Ausgestaltungen, immer und immer wieder wiederholt. Gast und Kellner tauschen die Rollen, manchmal sind beide Gast, oder Kellner, manchmal fehlt der Gast, aber immer endet es in der Katastrophe: Alles geht unter in gedachtem Wein.

In einer etwas zähflüssigen Sequenz gleich zu Beginn stimmen die Volkstheater-Schauspieler Frank Genser und Christoph Schüchner das Publikum auf diesen Herr-und-Knecht-Ablauf ein, erklären das Kommende lang und breit – nur um am Ende dazu aufzufordern, alles zu vergessen und anzufangen zu spielen. Etwa bei der Hälfte haben sie dann die glorreiche Idee, das Ganze doch in 50 Jahren spielen zu lassen. Wie im Film, mit Michelle Pfeiffer! Blöd, dass dann ein Teil des Publikums nicht mehr lebt. Aber gut, für die Überlebenden bietet sich auch 50 Jahre später noch dasselbe Elend: Der imaginäre Wein fließt und fließt, auf das Tischtuch, den Boden, der Gast schreit, der Kellner schüttet, nur um dann hektisch alles aufzuwischen. Und alles geht von vorne los.

Theater auf Fußballplätzen

Milo Raus erste Festwochen haben gerade erst begonnen, am Freitag wurde mit großem Getöse und erlesenem Line-up die Freie Republik Wien ausgerufen. Da ist viel Pose dabei, und natürlich wollen diese Festwochen politisch sein. "Die Rechnung" passt dazu, der Abend bildet den Auftakt der Reihe "Volksstück / Pièce Commune": Wanderstücke mit maximal zwei Schauspieler*innen, die jedes Jahr durch die Stadt touren und etwa auf Fußballplätzen oder Freilichtbühnen zu sehen sein sollen.

"Die Rechnung" hatte im Schutzhaus zur Zukunft, in der gleichnamigen Kleingartensiedlung im 15. Wiener Gemeindebezirk, Premiere und ist danach unter anderem im Strandbad Gänsehäufel zu sehen. "Volkstheater auf höchstem Niveau, Welttheater für alle" lautet der Slogan auf der Homepage, und das Gefährliche mit solchen sexy Slogans ist immer: Man sollte sie schon auch halbwegs einlösen. Das gelingt bei der Premiere so halb. Genser und Schüchner machen ihre Sache großartig und mit einnehmendem Charme. Das Tempo passt, die Situationskomik verfängt. Und bald wird auch klar, dass diese scheinbar so absurde Dekonstruktion einer Alltagssituation durchaus aktuelle (klima-)politische Bezüge hat: "Warum mache ich das?", ruft Genser, während er völlig wider jede Vernunft weiter alles (in Wein) untergehen lässt. Und wer soll das am Ende überhaupt alles bezahlen?

Verliebt in die eigene Idee

Aber der Spielort stellt schon vor erste Probleme. So wirklich großartig der Biergarten draußen ist, der Saal, in dem gespielt wird, ist bis fast ans Ende ebenerdig bestuhlt und hat binnen kürzester Zeit nicht mehr genug Sauerstoff für alle. Entweder hat man den Kopf oder das fächelnde Papier des Vordermenschen im Blickfeld. Und selbst ohne die zunehmend stickige, aufgeheizte Luft: Der Abend ist einer von jenen, die zu sehr in die eigene Idee verliebt sind. So lustig es ist, wenn Frank Genser einen selbstvergessenen Tanz mit seinem Tischtuch hinlegt, so schön (schaurig?) die Assoziationen, die der Abend weckt: Die gut 80 Minuten, die er dauert, trägt die Geschichte, trägt diese Idee nicht. Bleibt abzuwarten, wie sich die "Volksstück"-Reihe entwickelt. Und die diesjährigen Festwochen.

 

Die Rechnung / L'Addition
von Tim Etchells, Bertrand Lesca und Nasi Voutsas
Übersetzt von Astrid Sommer
Regie: Tim Etchells / Mitarbeit: Johanna Mitulla, Bühne: Richard Lowdon, Licht: Alex Fernandes, Musik: Graeme Miller.
Mit Frank Genser und Christoph Schüchner.
Deutschsprachige Premiere am 19. Mai 2024 bei den Wiener Festwochen.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

Kritikenrundschau

"Minimaltheater im besten Sinn" sah Thomas Kramar von der Presse (21.5.24, €). "Rollentausch und Wiederholungszwang" würden in Tim Etchells‘ Stück "auf virtuoseste Weise durchexerziert", urteilt der Kritiker und hält sich aus Kalkül bedeckt: "Doch man soll nicht alles erzählen von diesem so klugen wie unterhaltsamen Abend, an dem Frank Genser und Christoph Schüchner zu obstinatesten Minimal-Music-Melodien alle Slapstick-Register ziehen, ohne je banal zu wirken", schreibt er.

 

Kommentare  
Die Rechnung, Wien: Enttäuschung
Eine riesige Enttäuschung, ein verlorener Abend, bitte gut überlegen sich das anzutun!
Mir tun die Schauspieler leid, ich bin gern Theater/Kabarett Besucher, aber dieses Stück schlägt alles was ich bisher in meinem Leben gesehen habe, es ist keinen Euro wert, spenden Sie den Eintritt oder schmeißen das Geld in die Donau, alles Sinnvoller.
Ich kann mich garnicht beruhigen!
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